Ab 19. Januar läuft in Schweizer Kinos der Deutschschweiz (Filmstart in der Romandie: 21. März 2012) der an den Filmfestspielen von Cannes mit dem Grossen Preis «Un certain regard» ausgezeichnete Film «Halt auf freier Strecke» des deutschen Regisseurs Andreas Dresen. Der Film zeigt einfühlsam die letzten Lebensmonate des unheilbar an einem Gehirntumor erkrankten Frank.
Zum Inhalt: Frank und Simone haben sich einen Traum erfüllt und leben mit ihren beiden Kindern in einem Reihenhäuschen am Stadtrand.Sie sind ein glückliches Paar, bis zu dem Tag, an dem bei Frank ein inoperabler Hirntumor diagnostiziert wird. Die Familie ist plötzlich mit dem Sterben konfrontiert.
Ein Spielfilm, in welchem der Hauptdarsteller gleich zu Beginn die Diagnose «Hirntumor» bekommt, kann kein unbeschwertes, fröhliches Kinovergnügen abgeben. Dass «Halt auf freier Strecke», der das allmähliche Sterben an dieser unheilbaren Krebserkrankung sehr einfühlsam, jedoch ohne Beschönigungen zeigt, uns letztlich mit dem Unabwendbaren versöhnt und irgendwie sogar getröstet zurücklässt, ist die grosse Leistung des Regisseurs und der beteiligten Schauspieler und Fachpersonen.
Vom Moment an, als der (echte) Arzt dem (Schauspieler-)Ehepaar Frank und Simone die niederschmetternde Diagnose «inoperabler Hirntumor» mitteilt, erlebt der Zuschauer alle Stationen der Verarbeitung eines solchen Schocks mit: Wie geht die Familie um mit zerstörten Hoffnungen, der Trauer über den bevorstehenden Abschied, den immer neuen auftretenden Symptomen beim Patienten? Fast alles spielt sich zuhause ab, im frisch bezogenen kleinen Einfamilienhaus mit Blick auf den Waldrand und auf unbebautes, freies Feld.
Wir werden Zeugen davon, wie zuerst Verzweiflung und Ohnmacht dominieren, allmählich aber immer mehr Akzeptieren, gemeinsames Reden, Zusammenhalt und Stärke innerhalb der Familie dazu führen, dass der Betroffene auf seinem Weg des Sterbens nie allein gelassen wird und immer wieder Unterstützung und Zuwendung erfährt. Und: Auch die Angehörigen, die selber zwischendurch nicht mehr weiter wissen, werden von durchwegs kompetenten und menschlichen (realen) Fachleuten immer wieder auf partnerschaftliche Art und Weise bestärkt und unterstützt.
Im Film erfahren wir, wie dieses Sterben auf das Leben der beiden Kinder trifft und wie unumgänglich es ist, Kinder und Jugendliche zu informieren und mit einzubeziehen. Dass die Darstellerin der jugendlichen Tochter als Kind den Tod ihrer eigenen Mutter an Krebs durchlitten hat, macht ihr Spiel noch tiefgründiger und lässt verstehen, warum sie (wie allen andern Darstellenden) so wirklich und glaubwürdig sind. Wir erleben aber auch, ohne dass dieser Umstand moralisch gewertet wird, dass nicht alle Menschen aus dem nächsten Umfeld mit der Wahrheit klarkommen, so bedauerlich dies letztlich für sie selber ist, weil sie dadurch verpassen, bewusst Abschied nehmen zu können.
Die Befürchtung, die eingeflochtene Geschichte mit dem personifizierten
Tumor Franks, der in einer Talkshow auftritt, sei skurril und kaum nachvollziehbar, bestätigt sich nicht. Im Gegenteil, dieser Auftritt und die face-to-face Unterhaltungen Franks mit seinem Handy tun dem Ganzen gut, lockern auf und machen deutlich, dass wir hier und heute mit den verfügbaren Mitteln und Medien die Realität erleben, auch wenn wir sie dadurch nicht ausblenden können.
Die Ansprache des oft tabuisierten Sterbens und des nahenden Todes gelingt Andreas Dresen und seinem Team auf realitätsnahe, dennoch feinfühlige Art. Immer wieder bietet der Film dabei heitere und helle Momente, nie kippt er in Hoffnungslosigkeit oder simplen Voyeurismus. Als das Schweigen am Lebensende Franks immer länger wird, wird symbolisch auch die Natur ganz still, und wir folgen diesem hellen, sanften Ausblick auf den einsetzenden Schneefall mit einer gewissen Ruhe und Versöhnung. (Rezension von Sabine Jenny/Krebs-Informationsdienst).
Weitere Informationen und Trailer zum Film:
http://www.filmcoopi.ch/filmreel-Halt-de_CH.html