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Fachtagung «Onkologische Rehabilitation – Versorgungsmodelle in der Schweiz»

16. Oktober 2012
Krebsbetroffene erhalten schweizweit keinen einheitlichen Zugang zu Rehabilitationsangeboten, die sie unterstützen, wieder eigenständig am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dies sei angesichts der demografischen Entwicklung  ein unhaltbarer Zustand, meinen Onkologieexperten. Dieser Tage trafen sich auf Einladung der Krebsliga Schweiz und des Vereins oncoreha.ch über hundert Betroffene sowie Fachleute aus Gesundheitswesen und Politik, um die aktuelle Situation der onkologischen Rehabilitation in der Schweiz kritisch zu diskutieren.
Fachtagung «Onkologische Rehabilitation – Versorgungsmodelle in der Schweiz»
Fachtagung «Onkologische Rehabilitation – Versorgungsmodelle in der Schweiz»
© KLS

Weshalb kommt die onkologische Rehabilitation in der Schweiz nicht voran? Und wie gelingt es, dass Krebsbetroffene ihren Problemen angemessene Rehabilitationsangebote erhalten? Darüber diskutierten vergangene Woche in Fribourg Betroffene, Vertrauensärzte, Leistungsanbieter des stationären und ambulanten Bereichs sowie Vertreterinnen und Vertretern des Bundesamtes für Gesundheit und der Kantone. Einig war man sich darin, dass der Stellenwert der Rehabilitation in der Versorgungskette von Krebsbetroffenen gestärkt werden muss. In welcher Form dies geschehen könne, darüber gingen die Meinungen auseinander. Zu der Veranstaltung eingeladen hatten die Krebsliga Schweiz und der Verein oncoreha.ch.

Onkologische Rehabilitation stärken
«Krebsbetroffene werden in Bezug auf  den Rehabilitationsbedarf  von allen Patienten am meisten vernachlässigt», hielt Dr. Jürg Berchtold, Chefarzt der Reha Chrischona des Bürgerspitals Basel, an der Fachtagung fest. Wer heute von «Rehabilitation» spricht, meint in der Regel eine Physiotherapie oder Kur, die nach einem schweren Unfall oder Herzinfarkt folgt und von den Krankenkassen bezahlt wird. Für Menschen mit Krebs hingegen, ist die Chance, spezialisierte Rehabilitationsmassnahmen finanziert zu bekommen, gering. Dies, obwohl sie unter den Folgen ihrer Krankheit und den Therapien leiden, in ihren Aktivitäten und ihrer Teilnahme am sozialen Leben eingeschränkt sind und oft mit körperlichen und psychischen Problemen zu kämpfen haben.

Leistungsanbieter, wie Spitäler oder Therapeuten, bemängelten im Gleichklang mit Krebsbetroffenen, sogar zuweisende Onkologen seien wenig für den Rehabilitationsbedarf von Patienten sensibilisiert. Zudem sei die Unterstützung seitens der Politik gering; gross hingegen sei die Abwehrhaltung der Krankenkassen gegenüber Kostengutsprachen für onkologische Rehabilitationsmassnahmen. Es brauche politische Aufträge, «Best Practice»-Kriterien, strukturierte, ambulante Programme auch für Kinder und Jugendliche, Weiterbildung für Fachpersonen, vor allem aber eine adäquate Tarifierung, betonte Dr. Stephan Eberhardt, Co-Präsident oncoreha.ch und Chefarzt der Berner Klink Montana.

Demgegenüber rief Dr. Jürg Zollikofer als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte die Onkologen und Rehabilitationsmediziner auf, schlüssig aufzuzeigen, worin sich die onkologische Rehabilitation von anderen Reha-Angeboten unterscheide, damit sie als eigenständige Disziplin legitimiert und finanziert werden könne. Man wolle zwar kein «Leistungsverhinderer» sein, so Zollikofer, die SGV orientiere sich aber bei ihren Empfehlungen nicht an Diagnosen, sondern in erster Linie an den Defiziten der Patientinnen und Patienten.
 
Die Behandlung von Menschen mit Krebs sei nur bedingt mit jener internistischer oder kardiologischer Patienten zu vergleichen, entgegnete Prof. Michele Ghielmini, ärztlicher Direktor Instituto Oncologico della Svizzera Italiana IOSI, der an der Tagung ein erfolgreiches Tessiner Pilotprojekt vorstellte. Es gebe bis zu zweihundert unterschiedliche Krebsarten, deren Behandlung einen multidisziplinären Ansatz mit vielen koordinierten Massnahmen erfordere, die zudem möglichst früh beginnen sollten. Denn die Beeinträchtigungen der Patienten seien nicht nur körperlicher, sondern auch psychischer Natur.

Zusammenarbeit statt isolierte Angebote
Mehr Zusammenarbeit und einen generellen Wechsel der Perspektive, forderte Agnes Nienhaus, Projektleiterin Versorgungsplanung des Kantons Bern. Damit sich die onkologische Rehabilitation zu Recht als eigene Kategorie der Versorgungsplanung zu etablieren vermöge, sei es entscheidend, dass Angebote künftig nicht mehr am betrieblichen Wachstum einzelner Anbieter ausgerichtet, sondern stärker patientenorientiert entwickelt würden. Es sei zentral, die stationäre Rehabilitation nicht isoliert voranzutreiben, sondern mit ambulanten Anschlussangeboten zu verknüpfen.
Unterstützung erhielt sie von Prof. Jakob Passweg, Präsident der Krebsliga Schweiz: «Wir sind überzeugt davon, dass stationäre und ambulante Angebote komplementär sind, und dass wir in der Schweiz bereits Strukturen und Kompetenzen für Rehabilitation haben, auf die die onkologische Rehabilitation aufbauen kann.»

Dr. Salome von Greyerz, Leiterin Multisektorielle Projekte des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), betonte die Notwendigkeit eines «Kristallisationspunktes». Es müsse klar definiert werden, welche Akteure die Koordination der verschiedenen Angebote im Behandlungspfad von Krebspatienten übernehmen. Seitens des BAG sei zu überlegen, ob das akut-individuellmedizinisch ausgerichtete Krankenversicherungsgesetz tatsächlich noch alle Leistungen abbilden könne, welche die modernen, auf Partizipation aufgebauten Rehabilitationsprogramme benötigen.
Nationalrat und Podiumsleiter Jean-François Steiert hielt abschliessend fest: «Die demografische Entwicklung zwingt uns, einen Weg zu finden, die onkologische Rehabilitation in die aktuellen gesundheitspolitischen Diskussionen zu integrieren und langfristig entsprechende Angebote sicherzustellen».

Die onkologische Rehabilitation in Kürze
Jährlich erkranken in der Schweiz mehr als 37 000 Menschen an Krebs. Mehr als die Hälfte davon lebt mit der Krebsdiagnose länger als fünf Jahre. Krebserkrankungen nehmen damit immer häufiger einen chronischen Verlauf, Krebsbetroffene werden zunehmend zu Langzeitpatientinnen und -patienten. Themen wie die onkologische Rehabilitation und die berufliche Wiedereingliederung rücken damit zwangsläufig vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Die onkologische Rehabilitation ist eine medizinische Behandlungsmethode mit dem Ziel, mit Hilfe geeigneter Mittel und ihrem koordinierten Einsatz die Teilhabe am Alltagsgeschehen und somit die Autonomie der Betroffenen bestmöglich wieder herzustellen. Rehabilitation kann ambulant oder stationär, am besten aber im Rahmen einer definierten und koordinierten Behandlungskette geleitet werden. (S. Eberhard, 2010).
Beispiel eines Netzwerks an Spezialistinnen und Spezialisten für die onkologische Rehabilitation: Koordination, Sozialarbeiter, Physio- und Ergotherapeuten, Ernährungsberatende, Psychologen, Sexualtherapeuten, Kosmetikerinnen, Rauchentwöhnungsberatende, Pflegefachfrauen.

Die onkologische Rehabilitation im Nationale Krebsprogramm 2011–2015:
Die Empfehlungen für das Nationale Krebsprogramm betreffen vier wesentliche Bereiche: den Aufbau von Rehabilitationsprogrammen, das Verankern in der Behandlungskette, die Finanzierung sowie die Etablierung als Fachgebiet mit strukturierter interdisziplinären Weiterbildung.

Alle Tagungs-Präsentationen und Referate finden Sie unter:
www.krebsliga.ch/tagung
Weitere Informationen unter:
www.oncoreha.ch / www.krebsliga.ch


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Krebsbetroffene werden bei der Rehabilitation vernachlässigt Fachtagung «Onkologische Rehabilitation – Versorgungsmodelle in der Schweiz» Medienmitteilung
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