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«Medizinischer Fortschritt ist nur dank Forschung möglich»

Prostatakrebs ist der häufigste Krebs bei Männern. Allerdings ist der Krebs bei der Mehrheit der betroffenen Personen harmlos, wächst langsam und streut nicht im Körper. PD Dr. med. Aurelius Omlin aber kennt die andere, dunkle Seite von Prostatakrebs. In seiner Tätigkeit als Oberarzt in der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen betreut er Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs. Er sagt, wieso Forschung für diese Patienten überlebenswichtig ist.

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PD Dr. med. Aurelius Omlin

Aurelius Omlin, im November machen verschiedene Organisationen auf Prostatakrebs aufmerksam. Sie sammeln Spenden für die Erforschung und Bekämpfung von Prostatakrebs. Wieso ist das nötig?

Weil Prostatakrebs der häufigste bösartige Tumor beim Mann ist. Jedes Jahr erkranken in der Schweiz ungefähr 6100 Männer und 1400 sterben an den Folgen der Erkrankung. Prostatakrebs wird assoziiert mit Impotenz, Inkontinenz und Verlust von Männlichkeit. Da es ein männliches Sexualorgan betrifft wird in der Öffentlichkeit generell zu wenig darüber gesprochen, obwohl fast gleich viele Männer an Prostatakrebs sterben wie Frauen an Brustkrebs. Es stimmt auch nicht, dass Prostatakrebs nur alte Männer betrifft. In der Schweiz erkranken mehr als 800 Männer pro Jahr an Prostatakrebs, die jünger sind als 60. Das mittlere Erkrankungsalter bei Diagnosestellung liegt bei 69 Jahren. In diesem Alter sind Männer häufig noch sehr fit, aktiv und lebensfreudig.

Was wurde im Kampf gegen Prostatakrebs bereits erreicht?

Gerade bei unheilbarem Prostatakrebs mit Ablegern (Metastasen) sind in den letzten Jahren in der Behandlung grosse Fortschritte erzielt worden. Eine gute Beratung und Therapie-Wahl sind in dieser Situation entscheidend, um eine möglichst hohe Lebensqualität, wenig Nebenwirkungen und eine Verlängerung des Überlebens zu erreichen.

Von was konkret profitieren die Patienten und deren Angehörige?

Seit 2010 sind vier neue Medikamente zugelassen worden, welche allesamt den fortgeschrittenen Prostatakrebs wirksam bekämpfen und das Überleben verlängern. Zudem wurden in mehreren grossen Studien etablierte Therapien in Kombination mit Hormontherapie untersucht. Dabei zeigte sich ein klarer Vorteil der Kombination, so dass betroffenen Männern heute neue Therapieoptionen offenstehen, die eine relevante Verlängerung des Überlebens, den Erhalt der Lebensqualität und die Verlängerung der schmerzfreien Zeit ermöglichen.

Welche Rolle spielte dabei die Forschung?

Die Zulassung eines neuen Medikamentes bedeutet jeweils, dass viele Männer mit Prostatakrebs an klinischen Studien teilgenommen haben. In der letzten Phase vor der Zulassung braucht es klinische Studien, damit geprüft werden kann, ob die neue Substanz einen Vorteil gegenüber der Standardtherapie bringt. Manchmal vergessen wir im Alltag, dass der medizinische Fortschritt nur dank Forschung möglich ist und dank der Teilnahme vieler tausender betroffener Männer an klinischen Studien.

Welche Themen werden aktuell intensiv erforscht?

Im Moment gibt es noch keine guten prädiktiven Marker, welche den Ärztinnen und Ärzten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit voraussagen können, ob eine bestimmte Behandlung bei einem Patienten wirkt und welche eine gezielte Wahl der bestmöglichen Therapie erlauben würden. Es wird deshalb intensiv an Faktoren geforscht, welche den Nutzen einer Therapie vorhersagen könnten. Weiter wird Forschung zur Verbesserung der bestehenden Therapieoptionen betrieben. Es werden Studien mit bekannten Medikamenten wie Aspirin, Metformin (Medikament gegen erhöhten Blutzucker) oder Statin (Cholesterin-Senker) durchgeführt. Es gibt Hinweise, dass diese Medikamente einen positiven Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung bei Männern mit Prostatakrebs haben könnten. Die Medikamente haben aber auch potentielle Nebenwirkungen. Bevor wir also allen betroffenen Männern Aspirin, Metformin oder ein Statin verschreiben, sind klinische Studien unumgänglich, um systematisch zu überprüfen, ob diese Medikamente überhaupt den vermuteten positiven Nutzen zeigen. Leider ist solche Forschung häufig schwierig durchzuführen, weil die erwähnten Medikamente nicht mehr teuer sind und oft schon Generika vorliegen. Die pharmazeutische Industrie hat deshalb wenig Anreize die Forschung mit «älteren» Medikamenten zu finanzieren. Dank der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern und Organisationen wie etwa der Krebsliga Schweiz und der Stiftung Krebsforschung Schweiz ist es dennoch möglich, solch wichtige Forschungsprojekte zu finanzieren.

Gibt es weitere Forschungsschwerpunkte?

Ein weiterer Fokus der aktuellen Forschung liegt im Bereich Lebensqualität von Männern mit metastasiertem Prostatakrebs unter Therapie. Zudem wird die Behandlung von älteren Männern mit metastasiertem Prostatakrebs erforscht. Es ist heute nicht selten, dass zum Beispiel bei einem 85-jährigen Mann ein fortgeschrittener metastasierter Prostatakrebs diagnostiziert wird. In dieser Situation ist die Wahl der Therapie besonders wichtig, denn es besteht das Risiko der Überbehandlung verbunden mit Nebenwirkungen (zu intensive Therapie für das Alter), aber auch die Gefahr, dass eine wirksame Therapie aufgrund des Alters nicht angeboten wird (Unterbehandlung).

Immer wieder im Fokus stehen auch die Früherkennung von Prostatakrebs und die Bestimmung des Prostata-spezifischen Antigens (PSA). Wieso ist das wichtig?

Stellen Sie sich einen 58-jährigen Familienvater vor, der vor mir sitzt, und ich muss ihm eröffnen, dass seine Rückenschmerzen auf einen weit fortgeschrittenen Prostatakrebs mit Metastasen in der Wirbelsäule zurückzuführen sind. Der Mann hat einen zu hohen PSA-Wert und fragt zurecht, weshalb man beim Check-up im Alter von 50 Jahren nicht den PSA-Wert bestimmt hat, um eine frühe Form und einen auf die Prostata begrenzten Krebs zu entdecken.

Und wieso wird dieser Test dann nicht bei allen Männern ab 50 durchgeführt?

Leider ist der PSA-Wert sehr unzuverlässig. Ein erhöhter PSA-Wert kann auf ein frühes Stadium eines aggressiven Prostatakrebses hinweisen, der Wert erhöht sich aber auch bei allen möglichen Reizungen und Veränderungen der Prostatadrüse, zum Beispiel bei Entzündungen, sexueller Aktivität, langen Fahrradtouren und gutartiger Vergrösserung. Bei einem erhöhten PSA kommt es zu Abklärungen, welche mit Unsicherheit, Angst und Nebenwirkungen der Untersuchungen verbunden sein können. Bei der Mehrheit der Männer mit erhöhtem PSA findet man in der Weiterabklärung keinen Krebs oder es werden Tumoren entdeckt, welche – wären sie unentdeckt geblieben – dem betroffenen Mann unter Umständen nie oder lange keine Beschwerden bereitet hätten.

Sind diesbezüglich Fortschritte in Sicht?

Die Forschung arbeitet intensiv an besseren Tests, welche genauer sind und eine wirksame Prostatakrebsvorsorge ermöglichen. Zudem ist es wichtig, dass sich Männer über Vor- und Nachteile der Prostatakrebs-Vorsorge informieren und dann entscheiden, ob sie eine Früherkennungsuntersuchung in Anspruch nehmen wollen oder nicht. Bevor eine PSA-Testung gemacht wird, sollten sich Männer diesbezüglich vom Hausarzt oder einem Urologen beraten lassen.

Herr Omlin, was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Ein Anliegen ist mir die vermehrte aktive Einbindung von betroffenen Männern in die Diskussion der Behandlungsoptionen. Hier besteht gerade im Vergleich zu Frauen mit Brustkrebs Aufholbedarf. Beispielsweise stehen betroffenen Frauen auf der Krebsliga-Webseite Informationen zu mehr als 20 zertifizierten Brustkrebszentren zur Verfügung. Zu Prostatakrebs und den zertifizierten Prostatazentren hingegen werden generell zu wenig Informationen publiziert. Betroffene Männer dürften meiner Meinung nach aktiver werden, Fragen stellen und allenfalls eine Zweitmeinung in Anspruch nehmen

Zur Person

PD Dr. med. Aurelius Omlin arbeitet als Onkologe am Kantonsspital St. Gallen. Das Medizinstudium schloss er 2003 an der Universität Bern ab. Danach folgten Tätigkeiten am Universitätsspital Bern, am Regionalspital Thun und am Kantonsspital St. Gallen. Von 2010 bis 2013 spezialisierte sich Aurelius Omlin im Rahmen eines Forschungsstipendiums bei Professor Johann de Bono am Royal Marsden NHS Foundation Trust in London im Gebiet Prostatakrebs und auf klinische Studien mit neuen Medikamenten. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz arbeitete er als Oberarzt mit Spezialgebiet für urogenitale Krebsformen am Kantonsspital in St. Gallen. Zusammen mit Prof. Dr. med. Silke Gillessen war er massgeblich an der Gründung einer internationalen Expertenkonferenz (apccc.org) beteiligt, welche alle zwei Jahre offene Fragen in der Behandlung von fortgeschrittenem Prostatakrebs diskutiert und Empfehlungen zur Diagnose, Beratung und Behandlung erarbeitet.