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KrebsligaAgendaWebinar Krebs und Angst

Wenn die Angst bleibt: Webinar über Rezidivangst und Lebensplanung

Krebsbetroffene kennen das Gefühl der Angst nur allzu gut. Besonders die Sorge vor einem Fortschreiten der Erkrankung kann sehr belastend sein – selbst dann, wenn sich die medizinische Situation stabil oder gut entwickelt. Angst kann Kraft rauben. Unterstützung bietet das kostenlose Webinar von KrebsInfo am Mittwoch, 10. Juni 2026.

10.06.2026
17:00 Uhr
online
Kategorie: Webinar
Zielgruppe: Betroffene, Nahestehende, Öffentlichkeit

Aufzeichnung

Ausgewählte Fragen und Antworten aus dem Webinar Angst

Fragen an Prof. Dr. Phil. Alexander Wünsch, Psychoonkologe Inselspital, und Peers René und Julia, welche sich freiwillig für Betroffene auf der Peer-Plattform der Krebsliga engagieren.

Alexander Wünsch: Die Rezidivangst ist im Grunde bei einhundert Prozent der Betroffenen vorhanden; jede Krebsbetroffene kennt diese Angst. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob diese Angst im Einzelfall behandlungsbedürftig ist – also ob man aktiv etwas tun muss, damit sie wieder in ein gesundes, besser händelbares Mass absinkt. Die einschlägige Forschung geht davon aus, dass die Angst bei etwa 30 bis 50 Prozent der Patientinnen und Patienten so stark ausgeprägt ist, dass ein Behandlungsbedarf besteht. In diesen Fällen kann und sollte Kontakt zu einer Fachperson aufgenommen werden.

Alexander Wünsch: Verdrängung und Vermeidung kommen in solchen Prozessen immer vor und sind als erste Abwehrreaktion gar nicht per se schlecht. Ungünstig werden sie erst dann, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren. Wenn wir an das Beispiel aus dem Podcast im Webinar denken: Dort funktionierte die Verdrängung irgendwann nicht mehr, da die Patientin wie aufgeschreckt inmitten der Nacht – um vier Uhr morgens – plötzlich hellwach war und grosse Schwierigkeiten hatte, mit dieser überwältigenden Situation umzugehen. Wenn solche Momente der akuten Angst und des Durchbrechens der Verdrängung regelmässig auftreten – also wie im erwähnten Podcast mindestens einmal im Monat oder sogar wöchentlich –, dann ist das ein wichtiges Signal, sich intensiver und bewusster mit dieser Angst auseinanderzusetzen.

Alexander Wünsch: Hierbei handelt es sich um tiefgreifende, existenzielle Krisen für die betroffenen Personen. Es geht in einer solchen Situation nicht mehr nur um die aktuelle Krebserkrankung des Kindes, sondern es kommen zusätzlich alte Erfahrungen, vielleicht auch traumatische Bilder und schmerzhafte Erinnerungen aus der Vergangenheit hoch. Wenn nun sogar die nächste Generation mit einer so ähnlichen Krankheitsgeschichte konfrontiert ist, stellt das eine enorme psychische Herausforderung dar.

In einer solchen Konstellation kann sich die Angst verständlicherweise in ein extrem hohes, kaum noch tragbares Ausmass steigern. Daher ist es hilfreich und dringend ratsam, sich ganz gezielt professionelle – bestmöglich psychotherapeutische – Unterstützung zu holen. Im Rahmen einer Therapie würde dann daran gearbeitet, die alten Erinnerungen aus der Vergangenheit behutsam aufzuarbeiten. Ziel ist es, die Gegenwart in eine Form zu bringen, die für den Betroffenen wieder händelbar wird, und auch das, was in der Zukunft liegt, bestmöglich vorzubereiten. Ohne die individuellen Details der Situation genauer zu kennen, würde ich in einer solchen Lage in jedem Fall empfehlen, eine Fachperson mit ins Boot zu holen.

Alexander Wünsch: Das ist eine überaus wichtige und zentrale Frage, auf die es jedoch keine einfache Antwort gibt. Um es dennoch möglichst verständlich zu beschreiben, nutze ich in Gesprächen über die Bewältigung einer Krebserkrankung gerne das Bild eines Pendels. Ein Pendel erfüllt seine Funktion, solange es frei schwingen kann; es droht jedoch zu brechen, wenn es an einem der beiden äusseren Pole starr stecken bleibt.

Übertragen auf die Erkrankung bedeutet das: Wenn man sich ausschliesslich mit dem Krebs, der Angst und der Traurigkeit auseinandersetzt, verzweifelt man – das Pendel bricht. Versucht man umgekehrt krampfhaft, nur noch positiv zu denken, bricht das Pendel ebenfalls, weil die Realität der Situation schlichtweg nicht positiv ist. Der Schlüssel liegt darin, das Hin- und Herpendeln zuzulassen.

Wenn das Damoklesschwert präsent ist und Angst auslöst, dann muss dieses Gefühl auch Raum bekommen. Man darf in diesen Momenten weinen, schreien, gehässig oder zutiefst unglücklich sein. Genau dieses Zulassen ermöglicht es einem erst, in anderen Phasen wieder Momente echten Genusses zu erleben. Dieser Prozess führt oft dazu, dass bestimmte Dinge viel intensiver wahrgenommen werden – sei es das Erleben der Natur im Wald oder die bewusste Begegnung mit Mitmenschen. Wer diesen Wechsel aus Trauer und Freude zulässt, befindet sich auf einem guten Weg. Dadurch kehrt im Laufe der Zeit auch wieder eine Leichtigkeit zurück. Es ist vielleicht nicht mehr dieselbe unbeschwerte Leichtigkeit, die man noch vor zehn oder dreissig Jahren verspürt hat, aber möglicherweise eine neue Leichtigkeit, die sich tiefer und intensiver anfühlt als jene in den Jahren vor der Diagnose.

Julia: Die Angst hat sich im Grunde nicht wirklich verändert. Sie kommt und geht vielmehr in Wellen. Es gibt durchaus Tage, an denen ich fast ein normales Leben führe und mal für ein paar Stunden überhaupt nicht an den Krebs denke. Aber dann kommen eben auch wieder Situationen, die mit den Kontrolluntersuchungen und dem quälenden Warten auf die Resultate verbunden sind. In solchen Momenten nimmt die Angst dann wieder zu.

Ob ich Tipps habe? Ich glaube, am meisten hilft mir persönlich, wenn ich mit jemandem darüber reden kann. Sei das nun jemand aus dem Freundeskreis oder die professionelle Psychoonkologin. Rauszugehen und die Gefühle offen anzusprechen, hat mir persönlich am besten geholfen.

Ich habe mich beispielsweise auch am Arbeitsplatz dafür entschieden, immer offen zu kommunizieren. Mein Arbeitgeber und mein direkter Vorgesetzter schätzen es, Bescheid zu wissen, wo ich gerade stehe und wie es mir geht. Wenn man die eigene Situation transparent macht, haben die meisten Menschen im Umfeld auch mehr Verständnis für die aktuelle Lage.

René: Im«normalen Leben» gibt es Menschen, die die Batterien aufladen, und es gibt Menschen, die die Batterien entladen. Wenn ich mit jemandem spreche, dann fühle ich einfach, ob es mir guttut und ob wir uns auf einer Ebene treffen, auf der ich mich nach einer Stunde auch besser fühle. Oder ob ich mich auf einer Ebene treffe, auf der es mir bereits nach zehn Minuten schlechter geht. Mit der Zeit weiss man dann sehr genau, mit wem man etwas länger sprechen möchte und mit wem man vielleicht etwas weniger Zeit verbringen will.

René: Ja, das habe ich auch erlebt. Ich war in einem Job mit etwa 200 Mitarbeitenden. Ich war damals sehr offen und habe bei einem Anlass, einen Monat vor der Operation, auch meine Mitarbeitenden darüber informiert, was ich für eine Krankheit habe und dass ich für eine Zeit lang weg sein werde. Daraufhin sind einzelne Mitarbeiter zu mir gekommen und haben gesagt: «Jetzt hast du eigentlich das Problem auf mich übertragen und muss irgendwie damit umgehen. Eigentlich möchte ich das gar nicht und hätte es lieber nicht gar nicht gewusst.»

Das hat mich schon betroffen gemacht. Es ist eine schwierige Situation, weil ich einerseits das Bedürfnis habe, zu kommunizieren und zu sprechen. Andererseits habe ich natürlich auch Verständnis dafür, dass es einzelne Menschen gibt, die grössere Mühe haben, damit umzugehen, und bei denen das ein Gefühl der Überforderung auslösen kann. Denn es ist schon auch ein Stück weit ein Abladen, weil die anderen das Ganze dann ja ebenfalls für sich selber verarbeiten müssen.

Im Webinar besprechen wir Möglichkeiten der Angstbewältigung und stellen praktische Ansätze vor. Ein Schwerpunkt liegt auf dem behutsamen Aufbrechen von Vermeidungsverhalten sowie der gedanklichen Konfrontation mit angstauslösenden Situationen. Das kann helfen, Ängste besser einzuordnen und langfristig mehr Sicherheit und Selbstvertrauen im Umgang mit ihnen zu entwickeln.

  • Fachlicher Input: Prof. Dr. Phil. Alexander Wünsch vermittelt, wie Angst als natürliche körperliche und psychische Reaktion auf belastende Erfahrungen und Unsicherheiten entsteht. Dabei beleuchtet er auch, wie Vermeidungsverhalten entsteht und welche Situationen oder Gedanken Angst verstärken oder vermindern können.
  • Das Leben mit der Diagnose: Unsere Peers Julia und René leben mit und nach Krebs. Sie geben dem Thema ein Gesicht und berichten authentisch darüber, wie es sich anfühlt, wenn Ängste plagen und sich das Leben verändert.

Experte und Peers

Prof. Dr. Phil. Alexander Wünsch // Foto: Thomas Oehrli/Krebsforschung Schweiz, 2025

Prof. Dr. Phil. Alexander Wünsch ist Professor für Psychoonkologie, psychoonkologischer Psychotherapeut SGPO sowie Master of Medical Education. Seit 2022 leitet er die Psychoonkologie am University Cancer Center des Inselspitals Bern.

Seine beruflichen Tätigkeiten führten ihn in unterschiedliche Bereiche der psychoonkologischen Versorgung – darunter eine Rehabilitationseinrichtung, Akutspitäler, Ambulatorien sowie verschiedene Krebsberatungsstellen in Deutschland. Als Verhaltenstherapeut begleitet er Menschen mit Krebs in unterschiedlichen Krankheitsphasen und beschäftigt sich insbesondere mit psychischer Belastung, Angstbewältigung und psychosozialer Unterstützung.

Neben seiner klinischen Tätigkeit engagiert er sich in der Forschung mit Schwerpunkten in der Versorgungsforschung sowie der Arzt-Patienten-Kommunikation. Zudem ist er in der Lehre von Medizin- und Psychologiestudierenden sowie in der Weiterbildung von Fachpersonen tätig. Seit 2024 ist er Co-Präsident der Schweizer Gesellschaft für Psychoonkologie SGPO.

Peer Julia

Die niederschmetternde Diagnose kurz vor Julias 50. Geburtstag: Brustkrebs und Ableger an verschiedenen Stellen im Skelett und in der Leber. Die Diagnose machte nicht nur ihr selbst Angst. Ihre Familie konnte und kann nicht mit der Krankheit umgehen und zog sich fast vollständig zurück. Dafür waren Arbeitgeber, TCM-Therapeutin, Nachbarn, Freunde und Freundinnen da. Im Moment ist Julias Zustand stabil und sie arbeitet drei Halbtage pro Woche. In den drei Jahren seit ihrer Erkrankung musste Julia ihr Leben neu gestalten und von vielen Dingen und Menschen Abschied nehmen. Julia sagt: «Ich kämpfe nicht gegen den Krebs, ich versuche mit ihm zu leben.» An den meisten Tagen geht es ihr gut, auch wenn sie manchmal noch mit dem Schicksal hadert. Julia engagiert sich zudem im Verein «Metastasierter Brustkrebs Schweiz». 

Peer René H

Die Diagnose Pankreaskrebs mit Metastasen in den Lymphdrüsen im Jahr 2017 war ein Schock für den damals 55-Jährigen. Seine grösste Angst während dieser Zeit:  Werde ich mein altes Leben wieder zurückhaben? Fünf Monate nach der ersten Operation nahm er seine Arbeit in einer Führungsaufgabe mit 200 Mitarbeitenden wieder auf. Doch René erreichte seine frühere Leistungsfähigkeit nicht mehr: Vor allem die chronische Müdigkeit machte ihm zu schaffen. Heute verspürt er eine grosse Dankbarkeit, setzt andere Prioritäten und lebt viel achtsamer. 2024 liess er frühpensionieren, er arbeitet noch in einem kleinen Pensum als Selbständigerwerbender und setzt sich in der Freiwilligenarbeit ein. Zwar zeigen die regelmässigen Kontrollen keine Rezidive, doch als Realist weiss er, dass ein Rückfall jederzeit möglich wäre.

Anonymität

Nachdem Sie sich über das Formular für ein Webinar angemeldet haben, erhalten Sie kurz vor Webinarbeginn einen Link zur Teilnahme. Beim Beitreten des Webinars können Sie Ihren echten Namen oder ein Pseudonym verwenden und so anonym bleiben.

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