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Georg Stüssi - Chefarzt Hämatologie

Georg Stüssi

«In solch schwierigen Zeiten muss man kreativ sein»

Wie wirkt sich Covid-19 auf die onkologische Versorgung aus? Und wie kommen Spitäler und Krebsbetroffene mit der jetzigen Situation klar? Prof. Dr. med. Georg Stüssi, Vizepräsident des Vorstands der Krebsliga Schweiz und Chefarzt Hämatologie im Onkologischen Institut der italienischen Schweiz (IOSI), gibt Auskunft.

Beim Krebstelefon der Krebsliga Schweiz gehen nach wie vor viele Anrufe von verunsicherten Krebspatienten ein. Wie präsentiert sich die Lage derzeit am Onkologischen Institut im Tessin, wo Sie tätig sind?

Dr. Georg Stüssi: Die grosse Verunsicherung von Krebsbetroffen spüren wir auch im Spital. Unsere Patienten sind sich bewusst, dass sie bei dieser Pandemie zur Risikopopulation gehören und halten sich sehr genau an die Schutzmassnahmen. Die psychische Belastung ist für viele aber effektiv gross – seit Monaten befinden sie sich nun im Ausnahmenzustand. Und ein Ende ist – zumindest in naher Zukunft – nicht in Sicht.

Gibt es derzeit in den Spitälern Einschränkungen bei der onkologischen Versorgung?

Die Versorgung im Bereich Onkologie ist nach wie vor gewährleistet, aber natürlich hat es aufgrund der Pandemie Anpassungen gegeben. Nicht dringliche Operationen werden teilweise verschoben und Intensivpflegebetten werden derzeit für Covid-19-Patienten freigehalten. Beim Kontakt mit den Patienten gelangt das Telefon verstärkt zum Einsatz, doch manchmal sind klinische Untersuchungen direkt bei uns im Spital schlichtweg unumgänglich.

Könnte bei einem weiteren Anstieg der Covid-19-Fallzahlen eine Unterversorgung von Krebspatienten drohen?

Davon gehe ich nicht aus. Wir vernachlässigen Krebspatienten in keiner Weise und versuchen mit allen Mitteln, die onkologische Versorgung trotz der Pandemie sicherzustellen. In solch schwierigen Zeiten muss man kreativ sein, und neue Wege finden, um allen Ansprüchen gerecht zu werden.

Wie gehen Krebsbetroffene selbst mit der zweiten Welle um?

Die Begleitung von Familienangehörigen ist derzeit sehr eingeschränkt – das ist gerade für Menschen mit Krebs nicht einfach. So dürfen in den ersten Tagen einer Hospitalisation keine Familienangehörigen zu Besuch kommen und auch in der ambulanten Sprechstunde müssen die Patienten meist auf Begleitung verzichten. Dies ist für viele Patienten und Angehörige schwierig, insbesondere dann, wenn eine Diagnose erläutert wird oder Entscheide zu treffen sind. Ganz zu schweigen von der Situation für sterbende Personen und ihre Angehörigen – das betrifft natürlich nicht nur die Onkologie.

Was sind im Moment die grossen Herausforderungen im Spitalalltag?

Richtig anspruchsvoll wird es, wenn ein Patient Covid-19-positiv ist und diagnostische Abklärungen anstehen. Eine Biopsie in einem Operationssaal mit einem Corona-Infizierten zu machen, ist alles andere als einfach. Auch in meinem Bereich mussten wir diskutieren, wie zum Beispiel eine Chemotherapie abzuwickeln ist, wenn jemand Corona-positiv ist. Wir können diese Person dann nicht einfach in ein Covid-Spital schicken und abwarten, bis die Infektion abgeklungen ist, wenn gleichzeitig mit der Behandlung einer Leukämie nicht länger zugewartet werden kann. Für solche Situationen müssen wir ad-hoc-Lösungen finden, die allen Anforderungen gerecht werden.

Was raten Sie Krebsbetroffenen im jetzigen Ausnahmezustand, damit ihre Gesundheit keinen weiteren Schaden nimmt?

Es ist wichtig, die aktuellen BAG-Empfehlung genau zu befolgen, um die Risiken einer Ansteckung zu minimieren. Trotz der Pandemie sollten sich Patienten jedoch nicht scheuen, bei Problemen zum Hausarzt oder zum Spezialisten zu gehen, damit Krankheiten rechtzeitig diagnostiziert werden können. Im schweizerischen Gesundheitswesen werden alle Anstrengungen unternommen, die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten.

Es gibt warnende Stimmen, wonach derzeit die Krebsvorsorge auf der Strecke bleibt – mit entsprechenden Folgen auf die Fallzahlen nach der Pandemie. Teilen Sie diese Meinung?

Angesichts der aktuellen Situation werden gewisse onkologische Abklärungen oder Therapien auf später verschoben. Natürlich nur dort, wo ein Zuwarten ohne Risiken für den Patienten zu verantworten ist. Auch die Nachkontrollen werden teilweise auf später verschoben. Gleichzeitig können wir nicht ausschliessen, dass Patienten weniger häufig zum Arzt gehen und deshalb Krebsdiagnosen später diagnostiziert werden. Es ist aber im Moment zu früh, um prognostizieren zu können, ob deswegen die Krebsdiagnosen nach dem Ende der Pandemie ansteigen werden.

Wo liegen die grössten Unterschiede im Spitalalltag – verglichen mit der Zeit vor Corona?

Im Moment tragen alle Masken, die Verwandten der Betroffenen sind nicht zugegen und nach jedem Patientengespräch muss das Zimmer gründlich desinfiziert werden. Ich verbringe weniger Zeit mit klinischen Untersuchungen und setzte beim Patientenkontakt vor allem auf Gespräche.

Gibt es Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Welle?

Generell waren die Auswirkungen für uns hier auf der Abteilung während der ersten Welle sicher stärker. Während des Lockdowns im Frühling leerten sich die Ambulatorien. Im Moment versuchen wir die ambulante Betreuung so weit wie möglich aufrechtzuerhalten und wieder zum «Courant normal» zurückzukehren. Es ist jedes Mal ein Abwägen, ob es eine sofortige Kontrolle braucht oder ob ein Zuwarten in der jetzigen Situation sinnvoller ist, um das Ansteckrisiko zu minimieren.

Inwieweit sind die Erfahrungen aus der ersten Welle jetzt von Nutzen?

Wir wissen jetzt sicher besser Bescheid, wie logistische Prozesse zu gestalten sind, etwa was die Patientenströme angelangt. Auch haben wir gelernt, bestimmte Kommunikationswege besser zu nutzen; insbesondere virtuelle Meetings sind längst zur Normalität im Spitalalltag geworden.

Noch ist die Pandemie in vollem Gang. Wie gehen Sie mit dieser Ausnahmesituation um?

Zwischen den Patienten und mir als Mediziner und Bürger gibt es da keinen grossen Unterschied. Ich versuche mich an die Regeln des BAGs zu halten. Es geht allen gleich: Die jetzige Situation ist zermürbend und die Impfung ein Lichtblick. Alle sehnen sich nach einer baldigen Lösung.

Das Interview wurde am 16. November 2020 geführt.