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Leben und KrebsMeine Geschichte

Sara: «Ich möchte bei ihr sein, wenn sie geht.»

09. Juli 2026

Zwischen Fürsorge und Loslassen: Sara (51) begleitet ihr Mami Verena (76), das an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt ist.

«Von unserem Wohnzimmer aus sehe ich in die Küche meines Mamis. Brennt morgens Licht, weiss ich: Sie ist aufgestanden. Das beruhigt mich. Denn Verenas chronische Müdigkeit macht ihr das Aufstehen schwer.

Als es ihr im Dezember schlechter ging, beschloss ich, sechs Monate unbezahlte Ferien zu nehmen, um für sie da zu sein. Sie hätte mich nie darum gebeten, aber ich wollte es. Sie lebt allein, das ist ihr wichtig. Es funktioniert aber nur, weil ich rundherum alles manage: Ich koche zum Beispiel ihr geliebtes Apfelmus vor, damit sie essen kann, wann es für sie passt. Wenn es irgendwann allein nicht mehr geht, wird sie bei uns leben.

Mein Mami hat ihre Beerdigung selbst geplant. Sie möchte selbstbestimmt gehen.

Sara
Tochter von Verena

Im Februar zeigte ein MRI, dass ihr Hirntumor nicht gewachsen ist. Wegen ihrer Fatigue entschied sich mein Mami, nach drei Chemozyklen die Therapie zu beenden. Es fällt ihr zunehmend schwer, sich aufzuraffen. Ich spüre, wie für sie alles anstrengender wird. Das tut weh. Manchmal sagt Verena, sie werde ‹blöd›. Doch das stimmt nicht. Sie braucht einfach länger, um Worte zu finden. Darauf zu warten, stresst mich nicht, wir haben ja Zeit. Wenn wir etwas diskutieren, denkt sie immer noch sehr differenziert und wir haben schöne Gespräche.

Noch ist es keine intensive Pflege, aber ich erledige für sie viele kleine Dinge: waschen, Grosseinkäufe machen, aufräumen oder sie erinnern, an die Sonne zu gehen oder jemanden anzurufen, weil ihr das so guttut. Kürzlich geriet sie wegen einer Zugverspätung von Freunden völlig aus dem Konzept. Solche Situationen regle ich dann.

Mein Mami hat ihre Beerdigung selbst geplant. Sie möchte selbstbestimmt gehen. Bei allen Terminen war ich dabei. Manchmal musste ich ihr sagen, geh mal etwas runter vom Gaspedal, damit ich auch noch atmen kann. Doch es tröstet mich zu wissen, dass alles so sein wird, wie sie es sich wünscht.

Ich musste lernen, auch auf mich zu achten. Wenn alles erledigt ist, gehe ich in die Natur oder lese, um Kraft zu tanken. Mein Leben war nicht immer einfach, das hat mich geprägt. Jetzt will ich voll im Jetzt und für meine Liebsten da sein. Vielleicht habe ich wegen meiner Ferien weniger Geld, aber die Zeit mit meinem Mami ist so viel wichtiger.

Die Situation ist traurig, das lässt sich nicht schönreden. Ich wünsche meinem Mami viele kleine, schöne Momente – und dass ich bei ihr sein kann, wenn sie geht. Und für meinen Sohn, meinen Mann und mich wünsche ich, dass wir gut durch diese Zeit kommen und das Leben wieder leichter wird.»

Aufgezeichnet von Pia Schüpbach

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