Mara ist jung, frisch verliebt und plötzlich krebskrank. Es ist ein Sonntagmorgen kurz vor Weihnachten 2018, als die damals 25-jährige Mara unter der Dusche etwas ertastet. Unter der rechten Achsel auf Brusthöhe ist da dieser Knubbel. «Wie ein verpackter Mozzarella, genauso weich, genauso verschiebbar», erzählt Mara.
Wir treffen die heute 32-Jährige in einem Zürcher Park, wo sie gerade mit ihrer Hundedame Poppy eine entspannte Gassi-Runde dreht. Alles wirkt unbeschwert. Doch schnell wird Mara wieder ernst, als sie sich erinnert, wie es vor acht Jahren weiterging.
Nach dem Duschen ruft sie ihren Partner. Er tastet, runzelt die Stirn. «Geh morgen zum Arzt.» Mara winkt ab. «Ich habe doch keine Schmerzen.»
Am nächsten Morgen macht sie trotzdem einen Termin. «Klingt mega blöd», sagt sie in der Praxis, «aber ich habe da etwas Seltsames.» Sie rechnet mit einem Lächeln, vielleicht sogar mit einem Augenrollen. Doch der Arzt bleibt ernst. Ultraschall. Schweigen. Dann sagt er: «Es sieht sehr nach Morbus Hodgkin aus.» Mara versteht es zuerst nicht. Erst als von einer Punktion die Rede ist, fällt das Wort, das alles verändert: Krebs. Und doch ist da kein Schock. «Mein erster Gedanke war: Gott sei Dank habe ich es gefunden!» Denn mütterlicherseits war Krebs in ihrer Familie bereits verbreitet. «Ich hatte immer im Hinterkopf, dass es mich auch irgendwann trifft.» Die Angst kommt erst später. Und mit ihr eine ganz andere Frage: Wie sage ich es meinem Freund?
Der Feind hat einen Namen
Die Tage danach verschwimmen. Untersuchungen, Unsicherheit, ein Anruf: Chemotherapie. «In mir herrschte komplette Verwirrung», sagt Mara. Ihr Hausarzt wird zum Anker. «Muss ich sterben?» Seine Antwort: «Wenn man sich einen Krebs aussuchen müsste, dann diesen.» Es ist ein seltsamer Trost. Einer, der Hoffnung zulässt. Mara beginnt zu kämpfen, auf ihre Weise. Sie gibt dem Tumor einen Namen: Herbert. «Krebs ist so unfassbar, wie ein Schatten. Ich musste wissen, gegen wen ich antrete.» Aus Herbert wird schnell «Herbie». Doch er bleibt ihr Feind. «Dich machen wir kaputt», sagt sie ihm laut.
Zuerst folgen noch weitere Untersuchungen, alle Organe werden abgecheckt, um zu sehen, ob der Krebs schon gestreut hat. Das ist zum Glück nicht der Fall. Noch kurz vor der Chemotherapie wird der sogenannte Portkatheter am Brustkorb implantiert, um die Mittel direkt in die Blutbahn zu leiten. «Alles schmerzte, war geschwollen». Die Chemotherapie beginnt, kurz nach Silvester. Den Start ins neue Jahr hatte sie sich anders vorgestellt. Stattdessen Komplikationen, Schmerzen, Übelkeit. «Die erste Chemo war der Horror.» Und trotzdem: Mara bleibt pragmatisch. «Es wird schlimm, aber es hat ein Ende. Ein Happy End.»
Die Gefühle verändern sich. Am Anfang ist da Selbstmitleid. Mit 25 will sie doch ins Leben starten und sich nicht von einem Tumor ausbremsen lassen. Von einem Tumor, für den sie nicht einmal irgendwem die Schuld geben kann. Dann kommt Wut. «Warum ich?» Eine Antwort gibt es nicht. Also wird die Wut zum Motor. Und irgendwann wird aus Angst Zuversicht. In dem Augenblick, als klar wird: Ich werde das überleben.
Mara streichelt liebevoll ihre Hündin Poppy, die sie mit ihren verschiedenfarbigen Augen treu ansieht.
Der Moment, in dem die Haare fallen
Doch zwei, drei Tage nach der zweiten Chemo hängen plötzlich ganze Haarbüschel in der Bürste. Mara starrt darauf. «Ich bin richtig erschrocken.» Sie hält die Bürste ihrem Partner hin. «Was machen wir jetzt?» Ihre langen blonden Haare sind ihr Markenzeichen. Ein Teil von ihr.



