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Zwischen Wut und Dankbarkeit

13. Juli 2026

Ein Sonntag, ein Zufallsfund und plötzlich ist nichts mehr wie vorher. Mara bekommt mit 25 die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Dann folgt ein Wechselbad der Gefühle: Wut, Kampfgeist und heute einfach nur Dankbarkeit.

Mara ist auch eines der Gesichter, das in diesem Jahr für die Kampagne der Krebsliga Schweiz zu sehen ist. Weshalb hat sie mitgemacht? «Die Bilder zeigen reale Menschen mit realen Emotionen, genauso wie du und ich. Wenn Menschen ihre Gefühle benennen können, kann man damit arbeiten. Krebs ist einerseits ein unglaubliches Arschloch. Anderseits auch fair, er unterscheidet nicht. Krebs ist für alle Menschen gleich.»

Mara ist jung, frisch verliebt und plötzlich krebskrank. Es ist ein Sonntagmorgen kurz vor Weihnachten 2018, als die damals 25-jährige Mara unter der Dusche etwas ertastet. Unter der rechten Achsel auf Brusthöhe ist da dieser Knubbel. «Wie ein verpackter Mozzarella, genauso weich, genauso verschiebbar», erzählt Mara. 

Wir treffen die heute 32-Jährige in einem Zürcher Park, wo sie gerade mit ihrer Hundedame Poppy eine entspannte Gassi-Runde dreht. Alles wirkt unbeschwert. Doch schnell wird Mara wieder ernst, als sie sich erinnert, wie es vor acht Jahren weiterging. 

Nach dem Duschen ruft sie ihren Partner. Er tastet, runzelt die Stirn. «Geh morgen zum Arzt.» Mara winkt ab. «Ich habe doch keine Schmerzen.»

Am nächsten Morgen macht sie trotzdem einen Termin. «Klingt mega blöd», sagt sie in der Praxis, «aber ich habe da etwas Seltsames.» Sie rechnet mit einem Lächeln, vielleicht sogar mit einem Augenrollen. Doch der Arzt bleibt ernst. Ultraschall. Schweigen. Dann sagt er: «Es sieht sehr nach Morbus Hodgkin aus.» Mara versteht es zuerst nicht. Erst als von einer Punktion die Rede ist, fällt das Wort, das alles verändert: Krebs. Und doch ist da kein Schock. «Mein erster Gedanke war: Gott sei Dank habe ich es gefunden!» Denn mütterlicherseits war Krebs in ihrer Familie bereits verbreitet. «Ich hatte immer im Hinterkopf, dass es mich auch irgendwann trifft.» Die Angst kommt erst später. Und mit ihr eine ganz andere Frage: Wie sage ich es meinem Freund?

 

Der Feind hat einen Namen

Die Tage danach verschwimmen. Untersuchungen, Unsicherheit, ein Anruf: Chemotherapie. «In mir herrschte komplette Verwirrung», sagt Mara. Ihr Hausarzt wird zum Anker. «Muss ich sterben?» Seine Antwort: «Wenn man sich einen Krebs aussuchen müsste, dann diesen.» Es ist ein seltsamer Trost. Einer, der Hoffnung zulässt. Mara beginnt zu kämpfen, auf ihre Weise. Sie gibt dem Tumor einen Namen: Herbert. «Krebs ist so unfassbar, wie ein Schatten. Ich musste wissen, gegen wen ich antrete.» Aus Herbert wird schnell «Herbie». Doch er bleibt ihr Feind. «Dich machen wir kaputt», sagt sie ihm laut. 

Zuerst folgen noch weitere Untersuchungen, alle Organe werden abgecheckt, um zu sehen, ob der Krebs schon gestreut hat. Das ist zum Glück nicht der Fall. Noch kurz vor der Chemotherapie wird der sogenannte Portkatheter am Brustkorb implantiert, um die Mittel direkt in die Blutbahn zu leiten. «Alles schmerzte, war geschwollen». Die Chemotherapie beginnt, kurz nach Silvester. Den Start ins neue Jahr hatte sie sich anders vorgestellt. Stattdessen Komplikationen, Schmerzen, Übelkeit. «Die erste Chemo war der Horror.» Und trotzdem: Mara bleibt pragmatisch. «Es wird schlimm, aber es hat ein Ende. Ein Happy End.»

Die Gefühle verändern sich. Am Anfang ist da Selbstmitleid. Mit 25 will sie doch ins Leben starten und sich nicht von einem Tumor ausbremsen lassen. Von einem Tumor, für den sie nicht einmal irgendwem die Schuld geben kann. Dann kommt Wut. «Warum ich?» Eine Antwort gibt es nicht. Also wird die Wut zum Motor. Und irgendwann wird aus Angst Zuversicht. In dem Augenblick, als klar wird: Ich werde das überleben. 

Mara streichelt liebevoll ihre Hündin Poppy, die sie mit ihren verschiedenfarbigen Augen treu ansieht.

 

Der Moment, in dem die Haare fallen

Doch zwei, drei Tage nach der zweiten Chemo hängen plötzlich ganze Haarbüschel in der Bürste. Mara starrt darauf. «Ich bin richtig erschrocken.» Sie hält die Bürste ihrem Partner hin. «Was machen wir jetzt?» Ihre langen blonden Haare sind ihr Markenzeichen. Ein Teil von ihr.

Mit rasiertem Kopf: Mara während ihrer Chemotherapie.

«Das fand ich gemein», sagt sie. «Dass man mir das auch noch nimmt.» Sie setzt sich auf den Boden im Flur. Ihr Partner greift zum Rasierapparat. Strähne für Strähne fällt. «Du bist immer noch die schönste Frau», sagt er ihr. Immer wieder. Wie ein Mantra.

 

In diesem Moment ist da alles gleichzeitig: Trauer, Wut, Liebe. Und etwas, das stärker ist als alles andere: Zusammenhalt. «Ohne ihn hätte ich die Chemo vielleicht abgebrochen», sagt Mara nachdenklich. «Krebs zu haben tat weniger weh als die Chemotherapie mit ihren Nebenwirkungen.» Das durchzustehen verbindet. 2020 haben die beiden geheiratet. Inzwischen leben sie in Chur mit ihren zwei Katzen und der Mischlingshündin aus dem Tierschutz. Beide arbeiten heute in Zürich. Mara als Geschäftsführerin der Real Estate Award AG, welche die Leistungen der Schweizer Immobilien- und Baubranche auszeichnen. 

Während ihrer Therapie hat sie beim Beratungsdienst KrebsInfo angerufen. «Noch im Gespräch schickte mir der Berater das Antragsformular für die IV, damit mir wenigstens ein Teil der hohen Kosten für eine Perücke übernommen werden.» Zwei Wochen später bekommt sie den Haarersatz. «Die Perücke gab mir ein Stück Normalität zurück.» 

 

Der neue Blick aufs Leben

Mara zieht die Therapie durch: Chemotherapie und Bestrahlung. Heute gilt sie als geheilt. Was bleibt: Achtsamkeit, aber auch Dankbarkeit. «Ich bin dankbar, morgens aufzuwachen.» Sie hat gelernt, mehr zu wagen, genauer hinzusehen und das Leben nicht aufzuschieben. Und sie hat sich entschieden, ihre Erfahrungen zu teilen, als Peer bei der Krebsliga für andere Betroffene. «Ich hatte damals so viele Fragen, die über das Medizinische hinausgingen.» Heute gibt sie weiter, was sie selbst gebraucht hätte: ehrliche Antworten, Raum für Unsicherheiten und auch für Wut. Denn Wut gehört dazu. «Krebs macht hässig», sagt Mara beim Abschied. «Und das darf er auch.» 

Sie gibt der braven Poppy noch ein Leckerli, dann kehren beide zurück ins Büro. 

Texte : Danica Gröhlich, photos : Gaëtan Bally

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