Frage: Ich bin 62 Jahre alt. Nach den letzten Untersuchungen wurde bei mir ein Gleason-Score von 7b festgestellt. Die zwei Krebsherde liegen so günstig, dass eine nerven- und muskelschonende Operation möglich wäre. Ich habe mich deshalb für eine radikale Prostatektomie mit der Da-Vinci-Roboter-Methode entschieden – nach dem Motto „weg ist weg“.
Je näher der Operationstermin rückt, desto mehr kommen die Zweifel. Ich frage mich ständig, ob ich richtig entschieden habe. Wäre eine Bestrahlung vielleicht doch besser gewesen? Ich hatte ursprünglich nur zwei Optionen: Operation oder Bestrahlung.
Mein Kopf sagt ja zur Operation – ich bin fit, der Tumor wurde früh entdeckt, mein Arzt ist sehr erfahren und ich habe Vertrauen. Trotzdem bin ich innerlich unruhig und zweifle immer wieder: Strahlen? Seeds? OP?
Was ist los mit mir – ist das normal? Wie gehen andere Männer in dieser Situation damit um?
Dr. Omlin: Sie beschreiben etwas, das viele Männer erleben. Diese Haltung „weg ist weg“ ist tatsächlich typisch für viele, die nach der Diagnose rasch einer Operation zustimmen. Ich sehe aber auch Männer, die sich im Nachhinein wünschen, sie hätten sich vorher noch besser über alle Optionen informiert.
Gerade in Fällen wie Ihrem kann es sinnvoll sein, zusätzlich ein Gespräch mit der Radioonkologie zu führen – also mit den Fachärzten für Strahlentherapie. In Zürich machen wir das oft so: Männer sprechen zuerst mit dem Urologen oder der Urologin und danach auch mit einem Radioonkologen. Erst wenn man beide Sichtweisen gehört hat, kann man wirklich abwägen.
Solange der PSA-Wert nicht besonders hoch ist, muss man sich selten sehr unter Zeitdruck entscheiden. Es darf und soll Raum geben für eine durchdachte Entscheidung.
Kay: Ich kann das gut nachvollziehen. Bei mir wurde ein Gleason-Score von 10 festgestellt – meine Prostata war komplett von Tumorgewebe durchsetzt. Auch ich habe über Strahlentherapie nachgedacht, aber bei mir lag die Prostata sehr nah am Enddarm. Dadurch hätte es ein hohes Risiko gegeben, dass die Strahlung meinen Darm stark schädigt – bis hin zu einem möglichen künstlichen Darmausgang.
Das wäre für mich ein grosser Einschnitt in die Lebensqualität gewesen. Deshalb habe ich mich bewusst für die Operation entschieden. Mir war wichtig, lieber eine bessere Lebensqualität zu behalten, auch wenn der Weg dadurch vielleicht schwieriger war. Diese Überlegungen waren für mich ausschlaggebend, gegen die Bestrahlung und für die radikale Prostatektomie.
Dr. Omlin: Das zeigt gut, wie individuell solche Entscheidungen sind. Oft gibt es mehrere Behandlungswege mit jeweils eigenen Vor- und Nachteilen. Es hilft, ehrlich zu überlegen, was einem persönlich wichtiger ist.
Bei einer Operation besteht ein grösseres Risiko für Inkontinenz oder Erektionsprobleme, wenn die Nerven in der Nähe der Prostata beschädigt werden. Bei einer Bestrahlung können ähnliche Probleme auch auftreten, allerdings oft erst einige Jahre später.
Bei jüngeren Männern empfehlen wir häufiger die Operation, besonders bei einem Gleason-Score 7b, der als mittlere Aggressivität gilt, und bei dem eine reine Überwachung meist nicht mehr empfohlen wird.
Ich sehe, dass Ihr Operationstermin schon bald ansteht – das macht die Entscheidung natürlich drängend, aber es bleibt ihr gutes Recht, sich vorab sicher zu fühlen.
Ein Argument, das manchmal für eine Operation bei jüngeren Männern spricht, ist, dass man danach – falls der PSA-Wert nicht auf null fällt – zur Not immer noch eine Bestrahlung anschliessen kann. Umgekehrt ist das schwieriger: Nach einer Bestrahlung ist eine spätere Operation meist kaum noch möglich.
Das Gewebe hat nämlich unter der Radiotherapie gelitten und es gibt erhöhte Raten an Nebenwirkungen vor allem Inkontinenz, aber auch Impotenz, Schmerzen. Die OP ist möglich, aber nur in geübten Händen. Das kann ebenfalls ein wichtiger Aspekt in der Entscheidungsfindung sein.
Krebsinfo Schweiz: Ja, das ist wirklich eine schwierige Entscheidung. Viele Männer fühlen sich hin- und hergerissen, so wie Sie es beschreiben. Wir empfehlen in solchen Fällen, zusätzlich mit einem Radioonkologen zu sprechen, selbst wenn bereits grosses Vertrauen in den Operateur besteht. So kann man alle Behandlungsoptionen besser verstehen und vergleichen.
Gefühlsmässige Schwankungen – mal sicher, mal unsicher – sind völlig normal. Diese Unsicherheit darf Platz haben.