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Brigitta Wössmer - Psychoonkologin

«Krebsbetroffene können Krisenspezialisten sein»

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Brigitta Wössmer

Brigitta Wössmer, sie sind Psychoonkologin und Psychotherapeutin und seit rund 10 Jahren im Vorstand der Krebsliga Schweiz. Sie betreuen in ihrer Praxis in Olten unter anderem krebsbetroffene Patientinnen und Patienten. Was verändert sich, wenn Menschen mit Krebs nun auch wegen dem Coronavirus gefährdet sind?
Neben der Krebserkrankung kommt eine weitere grosse existentielle Verunsicherung hinzu. Mit dem Coronavirus haben wir etwas, das wir nicht kennen und nicht wissen, wie man es behandelt. Diese grosse Unbekannte macht Angst. So fühlt man sich potentiell bedroht. Und gerade bei Menschen, die sich schon durch die Krebserkrankung unsicher oder angreifbar fühlen, können sich diese Ängste verstärken.
Ich glaube aber, es ist ganz wichtig zu betonen, dass wir etwas dagegen tun können. Wir sind dieser unsichtbaren Gefahr nicht ausgeliefert. Für die onkologischen Patienten und ihr Umfeld – wie auch für alle anderen – ist es von grosser Bedeutung, dass sie Hygienemassnahmen wie Hände waschen, Abstand halten, wenn immer möglich zu Hause bleiben, etc. unbedingt einhalten. Das ist die wirksamste Methode, um sich zu schützen.

Kann es sein, dass die aktuelle Situation für viele Menschen eine viel grössere psychische Belastung darstellt als die eigene Erkrankung?
Es ist für uns alle eine grosse Umstellung im Alltag. Plötzlich leben Familien mit ihren Kindern nahe aufeinander. Ein neuer Alltag und neue Strukturen müssen geschaffen werden. Das ist nicht ganz einfach, wenn man verunsichert und angespannt ist. In dieser Situation ist es wichtig, offen miteinander zu sprechen und sich selber auch eigene Räume zu schaffen. Also dass jede und jeder auch einmal die Türe hinter sich schliessen und sich zurückziehen kann.
Bezüglich Menschen mit Krebs kann diese akute Krise unterschiedlich aufgenommen werden. Je nach dem können die Betroffenen hierbei schon Profis sein: Sie haben gelernt, mit einer aussergewöhnlichen Situation umzugehen. Sie kennen das Gefühl, wenn das Leben nicht mehr so ist wie vorher.

Krebsbetroffene als Krisenspezialisten… das kann also auch ein Vorteil sein?

Ja. Ich habe Patienten, die mir erzählen, dass sie bereits gewohnt sind, sich an Hygienevorschriften zu halten. Sie machen das jetzt durch die Coronakrise einfach nur noch bewusster. Dazu haben Menschen mit einer Krebserkrankung bereits schmerzhaft erfahren, dass ein Leben nicht nur unbeschwert sein kann. Sie haben gelernt von einem Tag zum anderen zu leben und sich immer wieder neu zu orientieren. Das müssen nun alle tun.

Brigitta Wössmer – werden wir konkret: Wie können Menschen mit Krebs mit dieser Corona-Krise umgehen?
Es kommt immer auf die Lebensumstände und auch auf die Diagnose an. Da gibt es grosse Unterschiede. Grundsätzlich sind soziale Kontakte wichtig. Zum Beispiel regelmässig mit einer Freundin oder Freund telefonieren oder skypen und einfach ein bisschen plaudern, damit die Sorgen bei Seite geschoben werden können.
Wer mit jemandem ausserhalb des Familien- und Freundeskreises sprechen will, kann sich auch an die kantonale oder regionale Krebsliga oder ans Krebstelefon wenden. Auch diese Stellen bieten Unterstützung, um Strategien im Alltag zu finden oder um auftauchende Probleme zu besprechen.
Ebenso wichtig können kleinere Projekte zuhause sein. Wollten Sie nicht schon lange das Fotoalbum fertigstellen? Oder wie wäre es, endlich Schach oder eine Sprache zu erlernen? In der heutigen Zeit sollten wir den Vorteil der elektronischen Medien nutzen. Dokumentationen schauen oder Sport mit einer Video-Anleitung machen. Zudem kann man in der Familie wieder Gesellschaftsspiele oder Puzzles hervornehmen.
Dinge, die Freude machen, soll man bewusst in den Alltag einbauen. Gerade Menschen, die sehr verunsichert sind, finden durch einen strukturierten Tagesplan zu mehr Sicherheit.
Das Coronavirus kann man nicht wegreden. Wir müssen mit dieser Verunsicherung lernen zu leben. Ich empfehle deshalb, dass man die täglichen Neuigkeiten zum Virus nur dosiert konsumiert. Also dass man sich dort selber bremst und sagt, ich schaue nur am Abend die Tagesschau und sonst kümmere ich mich um den Haushalt, meine Familie und die kleinen Projekte.

Was im Zusammenhang bei einer Krebsdiagnose oft vergessen geht, sind die Angehörigen. Wie kann man diese Menschen unterstützen?
Die Angst, sich anzustecken, ist bei den Angehörigen oft sehr gross. Sie tragen eine Verantwortung gegenüber der erkrankten Person; wollen und sollen die eigenen vier Wände deshalb auch nicht mehr verlassen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Angehörigen froh sind, wenn man sie unterstützt. Es ist auch immer gut, wenn diese Menschen selber das Umfeld wissen lassen, wie man ihnen helfen kann, damit sie möglichst gesund bleiben.

Brigitta Wössmer – besten Dank für dieses Gespräch und bleiben Sie gesund!

Dieses Interview wurde am 17. März 2020 per Telefon geführt.