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KrebsligaForschungGeförderte ForschungsprojekteGeheilt, aber nicht gesund: Vom (Über-)Leben nach Krebs

Geheilt, aber nicht gesund: Vom (Über-)Leben nach Krebs

Professor Jörg Beyer, Chefarzt an der Universitätsklinik für medizinische Onkologie und Spezialist für urogenitale Tumoren am Inselspital Bern, freut sich tagtäglich über die rasanten Fortschritte bei der Krebsbekämpfung. Doch bei der Nachsorge von Menschen, deren Therapie beendet ist, gebe es noch viel zu tun.

Bereits heute zählt die Schweiz rund 320 000 Menschen, die Krebs überlebt haben. Wie geht es diesen so genannten Cancer Survivors?
Prof. Jörg Beyer:
Rund zwei Drittel und damit die grosse Mehrheit führt nach der Krebsbehandlung wieder ein ganz normales Leben: Sie sind sozial integriert, gehen einer Arbeit nach und haben eine normale Lebenserwartung. Ihre Lebensqualität ist gut bis sehr gut und manchmal sogar besser als vor der Erkrankung, weil sie in ihrer Persönlichkeit gereift sind. Sie wissen um die Fragilität der menschlichen Existenz und schätzen das Leben plötzlich ungemein.

Nicht für alle geht die Therapie glimpflich zu Ende.
In der Tat. Bei einem Drittel aller Krebspatientinnen und -patienten ist der Leidensdruck nach erfolgter Therapie hoch bis sehr hoch. Sie kämpfen mit Funktionseinschränkungen einzelner Organe und verminderter Leistungsfähigkeit. Einige können sich nur wenige Stunde pro Tag auf den Beinen halten und leiden an Konzentrationsstörungen oder Fatigue – einer bleiernen Müdigkeit, die sich auch mit viel Schlaf nicht vertreiben lässt. Bei Kindern, die Krebs überlebt haben, zeigen sich oft Wachstumsstörungen. In der klinischen Praxis sehen wir auch, dass nach der Krebsbehandlung manchmal Zweittumoren auftreten.

Gibt es neben den somatischen Herausforderungen weitere Gefahren, die auf dem Weg zur Genesung lauern?
Auf psychischer Ebene leiden viele an posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen. Oft ist das Vertrauen in den eigenen Körper verlorengegangen. Was wir in unseren Sprechstunden auch feststellen: Viele fürchten sich davor, dass der Krebs wieder auftritt. Diese Rezidiv-Angst kann eine grosse Belastung sein. Und auch auf Beziehungsebene fordert die Erkrankung manchmal ihren Tribut: Nicht alle Angehörigen vermögen mit den krankheitsbedingten Belastungen umzugehen – Trennung, Scheidung oder ein Beziehungsabbruch sind mögliche Konsequenzen. Auch finanziell und beruflich führt eine Krebserkrankung häufig zu grösseren Einbussen. Betroffene werden überdies mit Stigmatisierungen konfrontiert; einige leiden unter Ausgrenzung im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Auch in spiritueller Hinsicht sind viele auf der Suche nach Antworten bzw. neuen Perspektiven.

Welche Rolle spielt das Umfeld in diesen anspruchsvollen Situationen?
Was mir in den Sprechstunden oft auffällt: Unglaublich viele Menschen fühlen sich berufen, sich beim Thema Krebs einzubringen. Betroffene werden von Angehörigen und Bekannten manchmal regelrecht mit Ratschlägen überflutet, die sie gar nie haben wollten. Das hilft meistens nicht weiter und schafft noch mehr Verunsicherung. Für ergänzende Informationen wendet man sich am besten an die Krebsligen in den Regionen.

Wie steht es um die medizinische Versorgung von «Cancer Survivors» in der Schweiz?
Für viele «Cancer Survivors» sind hausärztliche Praxen nach der Krebstherapie geeignete Anlaufstellen. Doch für jene, die mit schweren Symptomen kämpfen, gibt es kaum Angebote, auch weil solche Leistungen nicht im Tarmed abgebildet sind – sie finanziell also nicht abgegolten werden. Gerade bei hochkomplexen Fällen sind Hausärztinnen und -ärzte fachlich oft überfordert. Hier gibt es dramatische, eklatante Versorgungslücken in der Schweiz.

Wie gut ist die Nachsorge wissenschaftlich erforscht?
Leider sehr schlecht. In der Pädiatrie gibt es Studien, Daten und Konzepte. Doch bei Erwachsenen tut sich im Bereich Forschung praktisch nichts. Junge Wissenschaftler/-innen interessieren sich meistens nicht für dieses methodologisch anspruchsvolle Gebiet, weil es kein Sprungbrett für die Karriere ist. Weiter fehlt es an Geld, Ressourcen und einer geeigneten Infrastruktur.   

In welchen Bereichen wären Studien besonders wichtig?
Praktisch unerforscht sind die Folgen von Krebserkrankungen bei älteren Menschen. Wir wissen kaum etwas darüber, was geschieht, wenn sich Alterungsprozesse und Folgeschäden von Krebsbehandlungen überlagern. Die Medizin vernachlässigt die Versorgung von geriatrischen Cancer Survivor sträflich. Das Thema steht schlichtweg nicht auf der Agenda von Spitälern und universitären Einrichtungen. Neue Techniken wie Immuntherapien, molekulare und zelluläre Therapien faszinieren Forschende ungemein, während die geriatrische Onkologie ein absolutes Schattendasein fristet.

Zurück zu den Betroffenen: Wie häufig sollten Nachkontrolluntersuchungen stattfinden?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Rezidive treten am ehesten drei bis vier Jahre nach der Therapie auf. Danach gilt es, vor allem die Spätfolgen der Erkrankung und Therapie im Auge zu behalten. Das können zum Beispiel Funktionseinschränkungen der Organe sein. Was vielen aber nicht bewusst ist: Ein Grossteil der gesundheitlichen Probleme von «Cancer Survivors» rührt jedoch nicht von der Krebstherapie selbst, sondern vom Verhalten im Alltag. Übergewicht, Rauchen, Alkohol oder mangelnde Bewegung sind gerade für Krebsbetroffene fatal. Es wäre enorm wichtig, die Menschen diesbezüglich intensiver zu beraten und zu begleiten.

Was hilft sonst noch, um nach der Krebstherapie im Leben wieder Fuss zu fassen?
Wichtig ist es, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen. Bewegung spielt dabei eine ganz grosse Rolle. Es muss kein Leistungssport sein: selbst Spazierengehen ist besser als Nichtstun. Soziale Kontakte helfen auf dem Weg der Genesung ebenso wie Hobbys und Aktivitäten, die Spass machen.

Welches sind die wichtigsten Anlaufstellen für Krebsbetroffene, die als geheilt gelten, aber immer noch mit Problemen auf verschiedenen Ebenen kämpfen?
Für mich sind das ganz klar die kantonalen Krebsligen, die nahe bei den Menschen sind und deren Welt kennen. Mit den psychosozialen Beratungen versuchen sie, für die unterschiedlichsten Probleme Lösungen zu finden. Auch verfügen sie über gute Kontakte zu weiteren Anlaufstellen und über eine breite Expertise zu Fragen rund um Krebs.

Interview: Tanja Aebli

Unterstützung vor Ort

Obwohl die Anzahl der «Cancer Survivors» stetig steigt, gibt es innerhalb des Schweizer Gesundheitssystems kaum koordinierte Nachsorgeangebote für die Zeit nach der medizinischen Erstbehandlung. Die Krebsliga springt in diese Lücke mit spezifischen Angeboten. So bieten mehrere kantonale und regionale Krebsligen kostenlose Beratungen und Kurse für Menschen mit und nach Krebs an. Oder sie unterstützen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

krebsliga.ch/region

 

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