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KrebsligaForschungGeförderte Forschungsprojekte«Wir bewegen uns im Reich der Vermutungen»

«Wir bewegen uns im Reich der Vermutungen»

Die Ursachenforschung sei ein schwieriges Terrain, sagt der Biostatistiker Ben Spycher. Mit seinem Team nutzt er die einmalige Datenlage in der Schweiz, um zur Klärung der vielen noch offenen Fragen beizutragen.

«Dass hochenergetische Strahlen Blutkrebs verursachen, wissen wir aufgrund von Daten, die nach dem Abwurf der Atombomben in Japan gesammelt wurden.»

PD Dr. Ben Spycher
Biostatistiker

Ben Spycher, mit ihrem Team untersuchen Sie unter anderem die Ursachen von Leukämien bei Kindern. Wie viele Blutkrebsfälle lassen sich auf Umweltfaktoren zurückführen?
Das ist eine schwierige Frage, denn wir kennen die Antwort schlicht nicht. Bei den meisten Umweltfaktoren bewegen wir uns auf der assoziativen Ebene und sind noch weit von einer gesicherten Kausalität entfernt. Der einzige Umweltfaktor mit eindeutig belegter Ursache-Wirkungs-Beziehung ist die ionisierende Strahlung. Dass diese hochenergetische Strahlung Blutkrebs verursacht, wissen wir aufgrund von Bevölkerungsdaten aus Japan, die nach dem Abwurf der Atombomben gesammelt wurden.
Die allgemeine Bevölkerung ist glücklicherweise viel niedrigeren Strahlungsdosen ausgesetzt. Dass auch solch kleine Dosen Krebs auslösen können, ist zwar naheliegend, aber noch nicht eindeutig nachgewiesen. Schätzungen aus England und Frankreich zufolge könnte die natürliche Strahlung für etwa 20 Prozent aller Leukämien bei Kindern verantwortlich sein.

Welcher ionisierenden Strahlung ist die allgemeine Bevölkerung ausgesetzt?
Einerseits der Strahlung aus natürlichen Quellen, zu denen etwa die kosmische Strahlung wie auch das Radon und die Gamma-Strahlen aus dem Boden gehören. Und andererseits der Strahlung, die für die medizinische Diagnostik erzeugt und verwendet wird. Vor 30 Jahren machte die medizinisch-diagnostische Strahlung nur einen kleinen Teil der Belastung aus, heute trägt sie vielerorts fast gleich viel dazu bei wie die natürliche Strahlung. Selbstverständlich sind bildgebende diagnostische Verfahren für die Medizin enorm wichtig, aber wir dürfen das zusätzliche Risiko, das mit jedem Röntgenbild oder CT-Scan verbunden ist, nicht aus den Augen verlieren, auch wenn die Zunahme der Strahlung bisher nicht zu einem Anstieg der Blutkrebs-Neuerkrankungen geführt hat.

Welche anderen Umweltfaktoren spielen bei der Entstehung von Blutkrebs eine Rolle?
Hier bewegen wir uns im Reich der Vermutungen, auch wenn sich die Evidenz in Sachen Luftverschmutzung zusehends erhärtet. Wir wissen etwa aus Daten von beruflich exponierten Personen, dass Benzol bei Erwachsenen akute myeloische Leukämie auslösen kann. Es ist anzunehmen, dass das auch für Kinder gilt, womöglich schon bei viel kleineren Dosen. Tatsächlich weisen verschiedene Studien in diese Richtung, auch wir haben ein erhöhtes Blutkrebs-Risiko von Kindern errechnet, deren Mütter beruflich Lösungsmitteln und dem darin enthaltenen Benzol ausgesetzt waren.
Benzol ist auch Bestandteil von Abgasen und gehört somit auch zur verkehrsbedingten Luftbelastung, die sich erwiesenermassen negativ auf die Gesundheit auswirkt. Aber dieser Effekt lässt sich nicht auf eine einzelne Substanz zurückführen, denn der Verkehr produziert auch Feinstaub und eine Reihe verschiedener Karzinogene, die alle gleichzeitig auf uns einwirken.

In Ihrer kürzlich abgeschlossenen, von der Krebsliga Schweiz geförderten Studie interessierten Sie sich für den Einfluss von UV-Licht.
Ja, ultraviolettes Licht ist kurzwelliger und energiereicher als das Licht aus dem sichtbaren Spektrum, aber es gehört immer noch in den Bereich der nicht-ionisierenden Strahlung. Einige Studien haben UV-Licht in einen Zusammenhang mit den Melanom- und Non-Hodgkin-Lymphom-Erkrankungsraten in Zusammenhang gestellt, die seit den 1980er-Jahren steigen. Doch andere Studien scheinen eher einen möglichen schützenden Effekt des Sonnenlichts zu belegen. In der Literatur herrscht diesbezüglich also Uneinigkeit.
Wir haben hier in der Schweiz eine einmalige Datenlage: Wir haben räumlich gut aufgelöste Modelle, die aus einem dichten Netz aus Wettermesswerten abgeleitet sind. Und wir können die Angaben von der Volkszählung mit denjenigen im nationalen Kinderkrebsregister verbinden. So stehen uns Daten aller 8 Millionen Einwohner, einschliesslich von 1,3 Millionen Kindern, zur Verfügung. Dieser reiche Datensatz ist ein leistungsstarkes Instrument. Wir haben gewissermassen ein Teleskop zur Verfügung. Deshalb sollten wir es auch anschalten und hindurchschauen, um zur Klärung dieser Frage beizutragen.

Was haben Sie mit Ihrem Blick durchs Teleskop gefunden?
Die Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Die ersten vorläufigen Analysen weisen jedoch in die Richtung, dass die UV-Strahlen der Sonne wahrscheinlich keinen Blutkrebs verursachen. Eher umgekehrt, sie scheinen sogar einen leicht protektiven Effekt zu haben.

Das tönt nach einer Entwarnung. Doch gleichzeitig heisst dieses Resultat, dass Sie noch keine Antwort auf die Frage gefunden haben, was Leukämien verursacht.
Ja, die Ursachenforschung ist ein schwieriges Terrain, auch weil in unserem Leben so vieles gleichzeitig passiert. Wir sind nicht nur dem Sonnenlicht oder allfälligen Schadstoffen in der Atemluft ausgesetzt, auch die Genetik und unser Verhalten haben einen Einfluss auf das Krebsrisiko. Diesen Einfluss können wir nicht einfach aus den Daten herausputzen. Aber wir versuchen, in unseren Analysen so gut es geht für die anderen Faktoren zu korrigieren.
Es ist ein steiniger Weg, aber jemand muss ihn gehen. Mich motiviert dabei, dass der Weg verschiedentlich – etwa im Fall von Rauchen – tatsächlich schon zum Erfolg geführt hat. Gerade das Beispiel vom Rauchen zeigt, dass das Anhäufen von Evidenz oft auch auf Widerstand trifft. Die Tabakindustrie hat während Jahrzehnten Zweifel gestreut, aber irgendwann war das Gewicht der Evidenz so gross, dass sich auch die letzten Zweifel auflösten.

Hat sich aufgrund Ihrer Beschäftigung mit Umweltrisiken Ihre eigene Risikowahrnehmung verändert?
Ja, ich denke, ich habe einen viel differenzierteren Zugang zur Beurteilung von Risiken gefunden und das Bild vom absoluten Risiko mehr verinnerlicht: In einem Jahr erkranken sechs von 100 000 Kindern an einer Leukämie. Das absolute Risiko ist also sehr klein – und auch wenn es doppelt so gross wäre, wäre es immer noch klein. Trotzdem nehme ich eine Veränderung dieses Risikos ernst. Sie würde auch in meine Kosten-Nutzen-Rechnung einfliessen, wenn ich etwa eine Kita bauen müsste. Das würde ich nicht an einer viel befahrenen Strasse oder in unmittelbarer Nähe zu einer Autobahn machen, sondern lieber einige Hundert Meter weit davon entfernt. 

Interview: Ori Schipper; Foto: Valérie Chételat

PD Dr. Ben Spycher
PD Dr. Ben Spycher
Ben Spycher hat zuerst an der ETH Zürich Agrarökonomie studiert und zwei Jahre am internationalen Institut für Viehzuchtforschung im westafrikanischen Niger gearbeitet. Dann hat er an der Freien Universität Berlin ein Statistikstudium angehängt und anschliessend am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern in Epidemiologie doktoriert, wo er seit 2012 eine Gruppe leitet, die sich mit der Erforschung der Ursachen von Krebs bei Kindern beschäftigt. Seine Mitteilung an die Spenderinnen und Spender: «Ein riesiges Merci! Ohne diese finanzielle Unterstützung könnten wir nicht die Forschung machen, die wir machen.»
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