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«Mir wurde ein zweites Leben geschenkt»

Die Diagnose Lymphdrüsenkrebs stellt Ende 2020 die Welt des Zürcher Nationalrats und Hausarztes Angelo Barrile komplett auf den Kopf. Seine Überlebenschancen liegen bei knapp 30 Prozent. Doch mit der Hilfe seines Mannes und mit viel Humor schafft er es, die schwierigste Krise seines Lebens zu meistern.

Angelo Barrile (l.) und Marco Hardmeier sind seit 1998 ein Paar. Hardmeier war einer der Gründe für Barriles Lebenswillen während seiner Krebserkrankung.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht - erst recht im Umgang mit einem aggressiven Krebs. Dies zumindest galt für Angelo Barrile und Marco Hardmeier, beide 45, während Barriles Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung. Mit Humor schaffte es das Paar durch aussichtslose Situationen. «Noch nie habe ich in meinem Leben dermassen viel gelacht. Und geweint», sagt Angelo Barrile. Trotz Traurigkeit, Ängsten und Sorgen konnten in dieser Zeit auch allerlei lustige Momente und Situationskomik entstehen. «Man kann die Krankheit nicht weglachen, aber der Schwere eine gewisse Leichtigkeit geben. Das wirkt befreiend», fährt Marco Hardmeier fort.Beide schauen sich an – und lachen.

Barrile und Hardmeier, seit 1998 liiert und seit 2017 in einer eingetragenen Partnerschaft lebend, blättern in einem Fotoalbum. Darin sind nicht nur Ferien- und Familienbilder der vergangenen 24 Jahre zu sehen, sondern auch Fotos von Angelo Barrile mit Glatze während der Chemotherapie.

«Vor zwei Jahren verschlechterte sich mein Gesundheitszustand zunehmend», erzählt Barrile mit Blick auf das Foto. Einerseits führt er dies auf die Nebenwirkungen der Medikamente zurück, die er seit einigen Monaten wegen einer rheumatischen Erkrankung einnehmen muss. Und andererseits vermutet er, die Mehrfachbelastung als SP-Nationalrat und Hausarzt zolle ihren Tribut: «Meine Tage begannen um halb sechs, und oft war ich erst wieder gegen zehn Uhr abends zu Hause. Die 50 bis 100 Mails waren dann noch nicht beantwortet.»

Unfassbare Diagnosse

Am 29. November 2020 geht allerdings nichts mehr. Barrile erwacht zum wiederholten Mal schweissgebadet und mit starken Bauchschmerzen. Er fühlt sich sehr schwach und hat über 39 Grad Fieber. Marco Hardmeier begleitet seinen Mann notfallmässig ins Zürcher Stadtspital Triemli. Barrile vermutet einen akuten Darmdurchbruch – aber die Computertomografie bringt den Schockbefund: ein hoch aggressives Lymphom. Die Erkrankung des Lymphsystems ist bereits fortgeschritten und zeigt zahlreiche Tumoren. Der grösste ist 20 Zentimeter gross, liegt versteckt hinter dem Darm und stösst gegen die Bauchdecke – der Grund für die heftigen Bauchschmerzen. «Niemals hätte ich an Krebs gedacht. Ich hatte das Gefühl, ich sei im falschen Film», berichtet Barrile.

Diese Hiobsbotschaft versucht der Politiker zu verdrängen, er will nach Hause und am nächsten Tag an die Wintersession nach Bern. Doch die behandelnde Ärztin weist Angelo Barrile auf den Ernst der Lage hin und erklärt, es sei nötig, im Spital zu bleiben. «Als Arzt realisierte ich, dass ich nicht Heim kann. Gleichzeitig wollte ich mein Leben wie bisher weiterleben.» Barrile bleibt schliesslich und erhält Corona-bedingt das letzte Bett auf der Onkologiestation. «In dem Moment realisierte ich, dass ich nicht mehr Arzt bin, sondern Patient», so Barrile.

Nach dem Abschluss aller Untersuchungen wird die Krebsdiagnose ein paar Tage später bestätigt: hochaggressives, grosszelliges B-Zell-Lymphom. Angelo Barrile lässt sein Nationalratsmandat und seine Tätigkeit als Hausarzt in einer Zürcher Gruppenpraxis vorübergehend ruhen. Auf der Webseite der Krebsliga laden er und sein Mann Broschüren zur Krebsart (siehe Box) und weiteres Informationsmaterial herunter. «Dieses Angebot war für uns beide sehr wichtig. So konnten wir eine sachliche Einordnung der Krankheit vornehmen», sagen sie.

Ein Lymphom erweist sich in vielen Fällen als gut heilbar, bei Angelo Barrile ist es hingegen schon so weit fortgeschritten, dass seine Fünf-Jahres-Überlebenschancen laut den Ärzten nur knapp 30 Prozent betragen. Barrile zeigt sich zunächst kämpferisch und entwickelt Durchhalteparolen: «Ich schaffe es nur, wenn ich an diese kleine Chance glaube! Es gibt keinen Plan B! Ich muss diese Chance packen!», sagt er sich immer wieder.

Der Tiefpunkt

Zwischen Dezember 2020 und April 2021 macht Angelo Barrile sechs Chemotherapie-Zyklen. Die Medikamente werden von Mal zu Mal höher dosiert und er muss jeweils knapp eine Woche stationär im Spital verbringen.Die Nebenwirkungen sind heftig: Barrile verliert seine Haare und den Geschmackssinn, hat Bauch- und Muskelschmerzen, wird immer schwächer – oft kann er wegen Kreislaufproblemen und Schwindel ohne fremde Hilfe kaum mehr aufrecht stehen. Er leidet an Empfindungsstörungen in den Fingern und Zehen und auch an Fatigue – einer enormen Müdigkeit samt Konzentrationsschwäche. «Es fühlte sich an, als ob jemand den Energiestecker gezogen hätte. Nichts ging mehr.»

Nach dem vierten Therapiezyklus kommt der psychische und körperliche Tiefpunkt. Angelo Barrile muss wegen eines Talgdrüsen-Abszesses in der Achsel operiert werden. Ein Routine-Eingriff, doch er hat kaum mehr Lebenskraft; die Abwehrkräfte sind geschwächt, sein Optimismus ist weg. «Ich war überzeugt, ich wache nicht mehr auf und sterbe», so der Italo-Schweizer nachdenklich. Doch er überlebt die Operation. Und dies führt zu einem Umdenken und zu einer Art Versöhnung mit dem Krebs. Barrile beginnt, mit seinem Krebs zu sprechen, und er befiehlt ihm zu gehen.«Ich musste diesen Tiefpunkt erreichen, um weiterzukommen. Um zu überleben», erinnert er sich.

Das Blatt wendet sich

Infolge der Corona-Pandemie sieht Angelo Barrile seine Familie sehr selten, und wenn, dann nur im Freien. Seine einzigen Kontaktpersonen sind das Spitalpersonal, das er als zweite Familie bezeichnet, und sein Mann. Marco Hardmeier ist Barriles Verbindung zur Aussenwelt, er pflegt ihn, führt den zweiten Haushalt und arbeitet gleichzeitig noch als Schulleiter im Aargau.«Marco war immer für mich da. Er hat meine Ängste mit mir geteilt, aber mir seine nicht gezeigt», erzählt Barrile. Die Lage ist zusätzlich verzwickt, weil zu Beginn von Barriles Krebserkrankung noch keine Covid-Impfung existiert. «Ich wusste, wenn ich Corona heimbringe, kann Angelo daran sterben», so Hardmeier. Und ergänzt: «Zum Glück hielten mir meine Vorgesetzten und mein ganzes Team den Rücken frei. Zudem unterstützten mich eine Freundin und ein Freund. Dadurch blieb ich stabil.»

Die Monate verstreichen; Angelo Barrile erholt sich – langsam, aber stetig. Er beginnt zu meditieren, besucht einen Yogakurs der Krebsliga, holt sich zusätzlich Unterstützung aus dem komplementärmedizinischen Bereich und stellt seine Ernährung um. Seither isst er viel Gemüse und Früchte, dafür fast kein Fleisch mehr. Und er spaziert viel in der Natur, denn während der Chemotherapie wurde Barrile bewusst, dass regelmässige Bewegung und Sport die Überlebenschancen bei den meisten Krebsarten erhöht: «Deswegen drehte ich während der Chemo im Gang der Station meine Runden. Die Infusionsstange vor mich herschiebend. Ich bin unzählige Kilometer täglich gelaufen», bemerkt er. «Der Boden auf der Station war teilweise abgewetzt», ergänzt Hardmeier. Und beide lachen wieder herzlich.

Der Fels in der Brandung

Barrile und Hardmeier blättern weiter im Fotobuch. Dabei erzählt Angelo Barrile, wie wichtig die Nähe und Unterstützung seines Mannes für ihn sind. «Er hat mir seine Kraft und seine Liebe gegeben. Marco war einer der Gründe für meinen Lebenswillen.»Für Hardmeier war es eine Selbstverständlichkeit, seinem Angelo beizustehen, auch wenn er manchmal weder ein noch aus wusste. «Häufig fühlte ich mich total ohnmächtig und nutzlos, da ich nichts machen konnte, ausser da zu sein», sagt er. Barrile erwidert schnell, dass genau diese Nähe und das Dasein so viel wert gewesen seien. «Angehörige realisieren gar nicht, wie viel sie leisten. Ihr Dabeisein schenkt Betroffenen Kraft und Mut. Es ist zentral für die Lebensqualität, dass ein kranker Mensch nicht allein ist.»

Mittlerweile arbeitet Barrile wieder mit einem Kleinpensum in der Zürcher Gruppenpraxis, in der er vor seiner Krebserkrankung tätig war. Und er politisiert wieder als Nationalrat. Zugleich macht er sich Gedanken über seine berufliche Zukunft. «Mir wurde ein zweites Leben geschenkt, und ich will es nicht vergeuden», sagt er bestimmt. Bei den letzten Untersuchungen wurde keine Krebsaktivität mehr festgestellt, doch Barrile und Hardmeier sind sich bewusst, dass sich dieser Zustand im Handumdrehen ändern kann. «Jeder Tag ist ein Geschenk. Wir machen das Beste daraus, auch wenn es nicht immer einfach ist», sagen sie, schliessen das Fotoalbum – und lächeln.

Es ist zentral für die Lebensqualität, dass ein kranker Mensch nicht allein ist.

Angelo Barrile

Angelo Barrile
Angelo Barrile ist Hausarzt und Nationalrat in Zürich.

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