krebsliga_aargaukrebsliga_baselkrebsliga_bernkrebsliga_bern_dekrebsliga_bern_frkrebsliga_freiburgkrebsliga_freiburg_dekrebsliga_freiburg_frkrebsliga_genfkrebsliga_genf_newkrebsliga_genf_new_mobilekrebsliga_glaruskrebsliga_graubuendenkrebsliga_jurakrebsliga_liechtensteinkrebsliga_neuenburgkrebsliga_ostschweizkrebsliga_schaffhausenkrebsliga_schweiz_dekrebsliga_schweiz_fr_einzeiligkrebsliga_schweiz_frkrebsliga_schweiz_itkrebsliga_solothurnkrebsliga_stgallen_appenzellkrebsliga_tessinkrebsliga_thurgaukrebsliga_waadtkrebsliga_wallis_dekrebsliga_wallis_frkrebsliga_zentralschweizkrebsliga_zuerichkrebsliga_zug
KrebsligaÜber KrebsLeben mit & nach KrebsMirjam: «Do it!»
Leben und KrebsMeine Geschichte

Mirjam: «Do it!»

08. Januar 2026

Die Diagnose Zungenkrebs raubt Mirjam eine Zeitlang die Sprache. Und zwingt sie zu kreativen Ideen. Mit «gruusigem Chätschgümmele» übt sie unermüdlich, bis ihre Worte wieder Form finden. Heute liest die 43-jährige Glarnerin ihren Kindern vor, als wäre nie etwas gewesen. Und doch hat der Krebs Spuren hinterlassen – sichtbare und unsichtbare.

Sie brabbelt, statt zu reden. Sie isst Brei statt Pasta und Rüebli. Sie kritzelt aufs Papier, statt leserlich zu schreiben. «Plötzlich fühlte ich mich wieder wie ein zweijähriges Kind», sagt Mirjam, damals 38. Der Grund dafür: ein Plattenepithelkarzinom am rechten Zungenrand und Zungengrund.

In einer ersten Operation entfernt der Arzt ihren Tumor. Und mit ihm die halbe Zunge. Mit einem Schlag verliert Mirjam die Sprache. Weil ihr Sohn Dario tags darauf seinen fünften Geburtstag feiert, darf sie eine Woche lang nach Hause. «Das war furchtbar, nicht mit meiner Familie reden zu können.»

Wir sitzen bei ihr im Wohnzimmer im Glarnerland, während Mirjam erzählt, was vor gut vier Jahren war. Auf dem schwarzen Ledersofa türmen sich Kissen, ein Plüschschaf und ein paar flauschige Kollegen. Mirjam reicht ein Glas Tee mit Minze aus dem Garten.

CSI im Spital

Zwei Wochen nach der Entfernung des Tumors operieren zwei Ärzte gleichzeitig an Mirjams Körper. Oben entfernen sie einen Teil aus der Speicheldrüse und mehrere Lymphknoten, am linken Unterarm entnehmen sie Sehnen und Haut, um daraus ein Transplantat für die fehlende Zungenhälfte zu rekonstruieren. Rund zehn Stunden liegt Mirjam unter dem Messer. Als sie langsam aufwacht, fühlt sie sich wie in einer Szene aus «CSI: Miami». «Ich war wie in Trance. Um mich herum sprachen Ärzte und ich hatte noch den Tubus zum Atmen drin. Es war ein Gefühl, als würde ich seziert.»

Doch Mirjam findet ihre Zuversicht rasch wieder. Noch heute staunt sie, was der Körper nach solch grossen Eingriffen leisten kann, und was die Medizin möglich macht. Ihr erstes Ziel im Spital klingt klein und ist doch riesig: ein Weggli essen. Denn das würde bedeuten, nach Hause zu dürfen. Der Weg zurück vom mühevollen Schlucken zum Kauen, vom Brei zum Weggli, von Vokalen zu Konsonanten, vom Brabbeln zum Sprechen – er ist kräftezehrend.  Ihre grösste Sorge wird zum stärksten Antrieb: «Ich will, dass meine Kinder mich verstehen.» Beisst Mirjam heute in ein Weggli, «tschuderet» sie das. Es erinnert sie daran, was sie geschafft hat.

Beim Sprechen öffnet Mirjam den Mund nur so weit wie nötig. «Das geht prima, wenn ich bewusst erzähle.» Mit Familie oder Freundinnen vergisst sie sich aber manchmal, dann blitzt die transplantierte Zungenhälfte hervor. «Kinder fragen sofort, warum das so ist. Erwachsene schauen eher irritiert.» Mirjam zeigt ihre Zunge. Die transplantierte Hälfte hebt sich in Beige deutlich vom rosafarbenen Teil ab.

Treue Begleiterin in guten wie in schlechten Zeiten: Katze Frau Tschirky. «Auch den Kindern haben unsere zwei Katzen viel geholfen», sagt Mirjam.

Freud und Leid zu Hause

Treue Begleiterin in guten wie in schlechten Zeiten: Katze Frau Tschirky. «Auch den Kindern haben unsere zwei Katzen viel geholfen», sagt Mirjam.

Bei ihrer Rückkehr aus dem Spital reagieren die Kinder unterschiedlich. Lea (damals 7) weint, spricht über ihre Sorgen und hilft mit, Mirjams Wunden an Hals und Arm zu versorgen. Dario (damals 5) wendet sich von seiner Mama ab. «Ich habe zwar verstanden, wieso. Dennoch war das sehr hart für mich.»

Auch Mirjam selbst verschliesst sich in dieser Zeit, meidet Kontakte. Nach Hause bringt sie einen Stapel Verordnungen für Logopädie, Physio, Ernährungsberatung, Wundversorgung und Ergotherapie – und das Gefühl, weitgehend auf sich allein gestellt zu sein. «Mit meiner seltenen Krebsart und dazu noch in einer Grenz- und Landregion gab es nicht gerade Hilfe um die Ecke.» Also ackert sie sich allein durch. Es hiess: «Do it!»

Mit Tobias bildet Mirjam ein starkes Team. «Mein Mann sagte von Anfang an: Zusammen schaffen wir das. Das hat so viel Stärke in mir geweckt.» Alles, was er kann, nimmt er Mirjam ab. «Ohne ihn wäre ich chancenlos gewesen – emotional und im Alltag.» Zwischendurch gibt es auch Konflikte. Wenn Mirjam zum Beispiel versucht, etwas zu kochen, prallen die Bedürfnisse aufeinander: Sie will funktionieren, zurückgeben. Tobias dagegen besteht darauf, dass sie Pause macht und Kraft sammelt. Leichter fällt es Mirjam bei ihren Freundinnen. Dort ist sie nicht die Einzige mit Problemen. So begleitet sie etwa eine Freundin durch eine Trennung – und spürt, dass sie gebraucht wird. «Das hat mir gutgetan.»

Vorlesen, Kaugummikauen, Logopädie

Jeden Abend liest Mirjam ihren Kindern vor. Auch in jener Zeit, als das «Sprechen ganz schief tönt». «Ich war sehr streng zu mir, aus Angst, dass es so bleibt.» Sind die Kinder in der Schule, hört sie Musik, nimmt vier Kaugummis zugleich in den Mund, bewegt diese rhythmisch zigmal hin und her. Sie nennt es «gruusigs Chätschgümmele». Lachend fügt sie an: «Zum Glück hat das niemand mitbekommen.» Weil es bei ihrer seltenen Krebsart kaum Informationen gibt, muss Mirjam vieles selbst herausfinden. Zum Zungentraining kommen viele Besuche bei der Logopädin. Heute sagt sogar ihr Arzt: «Es ist ein Wunder, wie Sie wieder sprechen.»

Nach einem halben Jahr Pause kehrt Mirjam schrittweise ins Berufsleben zurück. Die ausgebildete Businessingenieurin übernimmt wieder die Geschäftsstelle der Mütter- und Väterberatung Glarus. «Es war anstrengend, hat mir aber auch gutgetan.» Aktuell bildet sie sich weiter und absolviert an der Fachhochschule die Ausbildung zum Professionellen Coach, um andere begleiten zu können.

Malen mit Sinn

Alles begann mit Kärtchen für ihre Kinder Lea und Dario. Wenn es Energie und Zeit zulassen, bringt Mirjam stapelweise Zeichnungen zu einem Arzt in Luzern – als kleine Mutmacher für andere Kinder. Zugleich trainiert sie durchs Malen ihren Arm, der noch immer schmerzt.

Fürs aspect-Foto holt Mirjam ihre Malutensilien hervor: akkurat in zwei Boxen gesteckte Stifte. Fast ihr ganzer linker Unterarm ist noch von der Operationswunde gezeichnet, und auch Arm und Hand muss die Linkshänderin immer wieder trainieren. So beginnt sie neben der Ergotherapie zu malen und zu schreiben. Daraus entstehen nach den ersten zaghaften Kritzeleien ihre Mutmacher-Karten für Kinder im Spital. «Zuerst habe ich für meine Kinder Karten gestaltet mit ihren Lieblingstieren und einem Spruch.» Später liefert sie einem Luzerner Arzt als Geschenk 350 liebevoll gestaltete Kärtli mit Mutbotschaften. «Ich finde es schön, dass mein Malen so einen Sinn hat.»

Regelmässig schickt Mirjam WhatsApp-Nachrichten an ihre Liebsten, damit alle wissen, wie es ihr geht. Ihre Geschichte mit dem Krebs macht sie sichtbar – auf Papier, in Lettering und Zeichnungen, in Symbolen für ihre Lebensvision und Werte. «Das hat mir sehr geholfen bei der Verarbeitung.»

 

Schmerzen als Begleiter

Bis heute plagen Mirjam Schmerzen an Hals und Arm. «Es fühlt sich an, als würden Stromstösse durchzucken.» Sportarten wie Joggen kann sie deshalb nicht mehr ausüben. Stattdessen marschiert sie zügig durch die Wälder und Hügel rund um Netstal. Oft macht sie Halt bei einer Schlucht – für sie ein Kraftort. Nach wie vor kostet es sie viel Energie, den Alltag zu bewältigen. «Ich habe eine grosse innere Müdigkeit. Da reichen zwei Wochen Ferien am Meer nicht aus, um aufzutanken.»

Gleichzeitig sucht Mirjam in allem das Positive. «Heute ist ein guter Tag, um einen guten Tag zu haben.» Dieses Motto trägt sie durch dunklere Stunden. Mit der Diagnose hat sie sich verändert: Sie sagt, was sie denkt und was sie sich wünscht. «Und Jämmerlen ertrage ich kaum noch.» Stiller Begleiter bleibt das Gefühl, sich nicht mehr voll auf ihren eigenen Körper verlassen zu können.

Kostbare Normalität

Es klingelt. Lea (11) und Dario (9) kommen von der Schule. Aus dem Ofen steigt der Duft von Gemüsekuchen. Auf der Küchentheke steht ein Glas mit einem aufgequollenen Gummibärchen – ein Experiment. Dario stibitzt das Colabärchen und steckt es sich in den Mund. Neben Kochlöffeln und Schälchen stehen Legobauten. «Hier wird gelebt», sagt Mirjam und teilt den Kuchen. Die Kinder plaudern durcheinander. Mirjam hört zu, fragt nach, gibt Antworten. Lea und Dario verstehen sie. Für Aussenstehende wirkt es wie Alltag – für Mirjam ist es viel mehr: ein Geschenk, das sie sich mit viel Willen zurückgeholt hat.

Selbst als sie kaum sprechen kann, liest Mirjam ihren Kindern jeden Abend vor. Heute hört niemand mehr, dass ihre halbe Zunge aus einem Transplantat besteht.

Text: Pia Schüpbach, Fotos: Gaëtan Bally, ZVG

Als Peer positives Mindset weitergeben

«Ich hätte mir einen Austausch mit anderen Betroffenen sehr gewünscht», sagt Mirjam rückblickend. «Es hätte nicht unbedingt jemand mit der gleichen Krebsart sein müssen, aber jemand, der am gleichen Punkt mit Krebs war und auch durch alle Maschen gefallen ist.» Heute engagiert sich Mirjam als Peer bei der Krebsliga. Damit Menschen mit seltenen Krebsarten oder ihre Angehörigen sich austauschen können mit jemanden, der weiss, was sie durchmachen. «Ich möchte mein positives Mindset übertragen.»
krebsliga.ch/peerplattform

 

KrebsInfo
KrebsInfo

Betroffene, Angehörige, weitere Interessierte und Fachpersonen können den Dienst unter der Woche per Telefon, E-Mail, Chat oder WhatsApp von 10 Uhr bis 18 Uhr erreichen.

Spenden
KrebsInfo
KrebsInfo