Sie stehen gerade an einem nicht einfachen Punkt, kurz nach Diagnosestellung und mitten in der Phase der Ungewissheit. Die Behandlung hat noch nicht begonnen. Ich kann mir vorstellen, dass noch viele Fragen offenstehen. Sie möchten Ihre Familie, ihr nächstes Umfeld nicht zu stark belasten, was absolut verständlich ist.
Selbst haben Sie bereits wichtige Strategien gefunden zur Bewältigung der aktuellen Situation. Gerne können wir gemeinsam schauen, was Sie sonst noch tun könnten oder was Ihnen guttun könnte.
Weiteres Vorgehen im Chat mit systemisch-lösungsorientiertem Fokus
Im weiteren Verlauf versucht die Beraterin das Normalisierungsprinzip anzuwenden (es geht vielen Betroffenen und Angehörigen ähnlich wie Ihnen), weitere Ressourcen zu aktivieren (Klientin nennt schon von sich aus mehrere), zu erfragen, wer alles involviert ist (systemische Perspektive), mit wem die Klientin über ihr Erleben sprechen kann (Ehemann, beste Freundin, Psychoonkologie sind involviert).
Wie in vielen Beratungen wird ersichtlich, dass Personen innerhalb eines Beziehungs- oder Familiensystems nicht am selben Punkt der Verarbeitung stehen und nicht dieselben Bedürfnisse haben. Dies in der Beratung transparent zu machen, kann (spiegeln) helfen, dass sich das Gegenüber verstanden fühlt. Hier können zirkuläre Fragestellungen zum Zuge kommen:
- «Was denkt ihr Mann, wenn Sie sich die Zeit herausnehmen für Waldspaziergänge und Malkurse?»
- «Was brauchen Ihr Mann oder Ihr Kind in der aktuellen Situation, damit es ihnen möglichst gut geht und sie stabil bleiben?»
Das Wort Angst fällt mehrmals im Chat – die Beraterin benennt diese Angst und refraimt (deutet um) – was würde Ihnen helfen, mehr Mut zu spüren in der aktuellen Situation? Die Klientin hat sich etwas Sinnvolles ausgedacht, was sie jeden Tag anwenden kann, egal wo sie gerade ist. Ein Mantra, dass sie mehrmals täglich wiederholt: «Heute lebe ich und kann meinen Tag gestalten und das zählt.»
Sie möchte ihren Mann nicht zu stark belasten, deshalb hat sich das Paar auf folgende Regelung geeinigt: «Mein Mann und ich haben abgemacht, dass wir uns jeden Tag 30 Minuten Zeit nehmen, um zu klagen oder zu besprechen oder zum Weinen und die restliche Zeit versuchen wir wie gewohnt den Alltag zu leben.»
Erkenntnisse für die Fachberaterin aus der Chat-Konversation
- Eine Krebsdiagnose kann als Schock erlebt werden oder sogar Traumata auslösen. Nach der Diagnose ist das Leben oft nicht mehr wie zuvor – es steht Kopf.
- Die Bewältigungsstrategien und Bedürfnisse innerhalb eines Systems können variieren.
- Die Lösungsorientierung hilft der Fachberaterin, den systemischen Blick und den Blick auf Ressourcen, aufs Positive und auf Lösungen zu behalten, und dennoch das Problem oder die aktuell nicht einfache und belastende Situation zu würdigen.
- Bewundernswert findet die Fachberaterin, wie viele Ressourcen und Strategien parallel von der Klientin selbst aktiviert werden können, obwohl der Schock der Diagnose noch tief sitzt und die Krebsdiagnose noch frisch ist.
Quelle: CAS, Grundlagen der systemisch-lösungsorientierte Kurzzeitberatung, FHNW Olten